84 III. Vom Tode Alexander's d. Gr. bis zu Augustus (323—30 v. Chr.).
In Anbetracht der aussergewöhnlichen Umstände und der Noth-wendigkeit, eine neue Armee aufzustellen, ernannte der Senat aus eige-ner Machtvollkommenheit den Junius Pera zum Dictator, der den Ti-berius Sempronius Gracchus zu seinem Magister equitum wählte. Beideschrieben sogleich eine Aushebung von 4 Legionen und 1000 Eeitern aus,schickten Bevollmächtigte zur Truppenaushebung zu den Bundesgenossen,befahlen die Bereitstellung aller Arten von Waffen, die in den Arsenalenlagen oder dem Feinde abgenommen waren, und griffen endlich auch zueiner aussergewöhnlichen Massregel, indem sie nämlich 8000 der kräf-tigsten Sklaven kauften, welche sich freiwillig zum Kriegsdienste be-reit erklärt hatten und denen dafür später die Freiheit versprochen wurde,sie bewaffneten und in die Reihen der Armee einstellten, — das ersteMal, dass etwas Derartiges bei den Römern vorkam.
Hannibal hatte inzwischen seinerseits aus der Zahl aller Gefangenen,welche in der Schlacht bei Cannä und nachher gemacht worden waren,die der römischen Bundesgenossen ohne Lösegeld entlassen und verfuhrauch mit den Römern sehr mild und grossmüthig; er schlug ihnen vor,sich für ein bestimmtes Lösegeld loszukaufen, sie gingen mit Freudenhierauf ein und erhielten von Hannibal die Erlaubniss, 10 unter sich aus-zuwählen und nach Rom zu schicken, nachdem sie geschworen hatten,zu ihm zurückzukehren. Hannibal schickte einen vornehmen Karthager,Karthalo, mit ihnen, um Friedensunterhandlungen anzuknüpfen, falls dieRömer dazu geneigt sein sollten.
Als sie in Rom ankamen, Hess der Senat dem Karthalo bedeuten,dass er das Gebiet des Staates zu verlassen habe, die Abgesandten aberder Gefangenen empfing er innerhalb der Stadt. Nachdem sie angehörtworden, gingen die Meinungen auseinander, eigentlich allerdings nur da-rüber, aus welchen Fonds das Lösegeld bestritten werden solle. Abereiner der Senatoren, Manlius Torquatos, erklärte, dass römische Krieger,welche ihren Eidschwur nicht gehalten und die schimpfliche Gefangen-schaft dem ruhmvollen Tode vorgezogen hätten, einer Auslösung un-würdig seien, und der Senat schlug die Bitte der Gefangenen um so mehrab, da er durchaus nicht gewillt war, den Staatsschatz zu leeren, umHannibal zu bereichern.
Aber die Vernichtung des römischen Heeres bei Cannä war nochnicht das einzige Unglück, das Rom traf: die Folgen derselben warennoch schrecklicher und bedrohlicher. Die Kunde von Hannibal's Siegedurchflog ganz Italien, und nach einander erhoben sich nun gegen Rom:die Atellaner, Calatiner, Hirpiner, fast ganz Apulien, die Samniten,Bruttier (ausgenommen die Einwohner von Petelia), dieLucaner(mit Aus-nahme der griechischen Seestädte), die Metapontier, Krotoniaten, Lokrerund das ganze cisalpinische Gallien. Indessen war noch keiner der