SAMUEL CASCINI 433
Obschon der alte und neue Bund den Menschen zu demselbenZiele hinführt, so ist doch ein großer Unterschied zwischen beiden;wer diesen Unterschied hartnäckig leugnet, ist ein Ketzer. Wersagt: wenn ich lüge, so lügt Gott, der stellt einen unmöglichen Satzauf und macht sich einer Gotteslästerung schuldig. Niemand ver-dient Glauben, der sich für einen Gottesgesandten ausgibt, wenner nicht von der Kirche als solcher anerkannt wird oder sich durchein Wunder ausweist. Erhebt ein Prediger einen solchen Anspruchgleichwohl, so hat er jedes Anrecht auf Gehör verwirkt, und werihm glaubt, irrt. .
Ein nicht zu verachtender Gegner erstand dem Frate auch indem Minoritenobservanten Samuel Cascini 15 , einem gelehrtenManne, Verfasser einer stattlichen Reihe philosophischer Werke,von welchen er eines dem Herzoge Ludwig dem Mohren widmete,an dessen Hof er lebte. In Mailand ließ er nun am 1. April 1497eine Schrift 18 „Über die Art und Weise, einen falschen Prophetenvon einem wahren zu unterscheiden, und über ein Gesicht desBruders Hieronymus" im Drucke erscheinen, von welcher der be-kannte Nürnberger Arzt und Humanist Hartmann Schedel imJahre 1500 eine Abschrift nahm 17 . „Ich fürchte," so läßt er sichvernehmen, „dieser Prophet hat die wahre Religion verloren, daer allein alles wanken sieht; wenn es wahr ist, was er den Refor-mern nachrühmt, so richten sie die Kirche, statt sie zu erneuern,im Gegenteil zugrunde. Die vollkommenste Erneuerung bestehtvielmehr darin, die Sünder durch Gebet, frommes Zureden undgutes Beispiel zu bekehren. Verharren sie nun in ihrer Verstockt-heit, und tritt alles das ein, was jener Hieronymus verkündet, soist dies ja längst in der Heiligen Schrift vorhergesagt; was bedarfes da eines neuen Propheten? Es ist eine alltägliche Erscheinung,daß unsere Prediger Künftiges voraussagen, das dann auch sehrhäufig eintritt; gleichwohl wird sie deshalb kein Vernünftiger fürPropheten ansehen. Zwar darf man nicht geringschätzen, was sieunter Eingebung der Engel vorbringen; wir dürfen ihnen aberdoch auch nicht zu viel beimessen, des Wortes der Schrift einge-denk: „Wenn du das Kostbare vom Geringen sonderst, so wirstdu gleichsam mein Mund sein". (Jer. 15, 19.) Jedenfalls darfman niemanden für einen Propheten oder Heiligen halten, wennuns nicht der Heilige Stuhl hierzu ermächtigt.
28 Schnitzer, Savonarola