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1 (1924) Das Leben
Entstehung
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DER HOF VON FERRARA i5

so gab es doch kaum einen Staat, wo die Herrscher bei ihren Unter-tanen beliebter gewesen wären 77 . Ferrara, damals von etwa 100000Einwohnern besiedelt 78 , war eine der glücklichsten, weil friedlich-sten Städte der Halbinsel. Die Este vermieden es, wo sie nur konn-ten, sich in die Händel ihrer Nachbarn verwickeln zu lassen, undzogen es vor, die überlegenen Schiedsrichter zu spielen. Sie wareneifrige Anhänger der weifischen Politik. Ihre kirchliche Gesinnunggab sich gerne in den frommen Übungen kund, denen sie fleißigoblagen. Gotteslästerung galt als Staatsverbrechen und zugleich alsgute Quelle zur Vermehrung der Staatseinkünfte, denen zwei Drit-tel der den Missetätern auferlegten Geldbuße zuflössen, währendder Angeber das letzte Drittel erhielt, so daß das Spitzel- und An-geberwesen in üppiger Blüte stand und zum einträglichen Geschäftewurde 79 . Die Wucherer wurden gleich den Juden verabscheut undvon den Kindern auf den Straßen verfolgt 80 . Ein dunkler Fleck inder Regierung der Este war der harte Steuerdruck, der von ihnengegen ihre Untertanen ausgeübt und von blutsaugerischen Finanz-beamten durch gewissenlose Ausbeutung ihrer weiten Befugnissezuweilen bis ins Unerträgliche gesteigert wurde. Die Bevölkerung,dem Ackerbau und mancherlei Gewerben ergeben, von Hause ausgutmütig, sparsam und fleißig, haßte zwar dieseLeutefresser"mehr als den Teufel", ertrug aber geduldig die schwersten Lastenund raffte sich nur im äußersten Falle, wenn es die Vampire garzu bunt trieben, zu blutiger Selbsthilfe auf 81 . Aber zu einer offenenAuflehnung gegen das angestammte Fürstenhaus kam es nicht. Diedüstere Zwingburg, die sich seit 1385 inmitten der Hauptstadt er-hob, war ganz dazu angetan, jeden Gedanken der Bürger an eineEmpörung schon im Keime zu ersticken. Greuel entsetzlicher Arthatten sich im Herrscherpalaste abgespielt. Mit Grausen erzählteman sich noch immer, wie Markgraf Albert seinen Neffen Obizzosamt dessen Mutter und zahlreichen Freunden hatte hinschlachtenlassen (1388), wie Nikolaus III. in rasender Eifersucht seine GattinParisina und seinen Sohn Hugo dem Henkersbeile überantwortethatte 82 (1425). Er selbst aber, der die wirkliche oder vermeintlicheUntreue seiner Gemahlin so erbarmungslos ahndete, setzte sichungescheut über alle Schranken bürgerlicher Ehrbarkeit hinwegund huldigte geschlechtlichen Ausschweifungen in unglaublichemMaße. Wird doch berichtet, die Zahl seiner Geliebten habe sich aufnicht weniger als achthundert belaufen, und nur die Zeit habe ihm