3oi JORDAN
sehen Flotte 1852 ein beneidenswertes otium cum dignitate genoßund als gefeierter Rhapsode seinen eigenen Dichterruhm durch dieWelt trug, sich sogar als Selbstverleger seiner Werke in Frank-furt am Main erfolgreich behauptete, hätte kaum einer von derJüngern Generation zugemutet, daß er ehemals zu der berüchtigtenKlasse der „Literaten" gehörte, die der vormärzlichen Polizei sovielE u schaffen machte, weil ihre schlagfertige philosophische Dialektikaller Gewalt spottete. Jordan war einer der Gäste bei Max StirnersHochzeit, er gehörte 1843 zum Kreis der „Freien", vor dessen zügel-losem Übermut die Berliner Philister sich bekreuzten, und beteiligtesich an dem von Stirner herausgegebenen Unternehmen „Die Na-tionalökonomen der Franzosen und Engländer" durch seine Über-setzung von Proudhons „Philosophie de la misere". Aus der Stadtder reinen Vernunft, der damaligen Hochburg des preußischen Libe-ralismus am Pregel, war er gekommen; dort hatte er, der Sohn einesPfarrers in Litauen, fünf Jahre erst Theologie, dann Philosophie undNaturwissenschaften studiert, bei dem Hegelianer an der Königs-berger Universität, Karl Rosenkranz, seinen Doktor gemacht undbereits die ersten Dichterlorbeeren um seine Schläfe gewunden. Seinerster Schritt in die Öffentlichkeit war wie eine Vorbedeutung seinerspätem politischen Wandlung: als Jüngling schon Meister der Rede,trat er im September 1840 bei dem pomphaften Huldigungsfest demneuen König Friedrich Wilhelm IV. als Sprecher der Studenten-schaft gegenüber.
Von stärkerem Einfluß auf Jordan aber war ein anderer Besuch,der zu Ende des Jahres 1842 die Federn der preußischen Polizei-ämter und Ministerien in fieberhafte Bewegung setzte: Georg Her-wegh, der gefeierte Sänger der „Gedichte eines Lebendigen", kamauf seinem Triumphzug durch Deutschland von Berlin, wo er seineberühmte Audienz bei Friedrich Wilhelm IV. gehabt hatte, gerades-wegs nach Königsberg. Hier wurde ihm von den Kreisen der In-telligenz gebührend gehuldigt, und zu denen, die bei dem Festmahlam 2. Dezember als Redner mit schwungvollen Gedichten auftraten,gehörten Jordan und sein Freund Rudolf Gottschall. Jordan sahsich daher ebenfalls in die polizeilichen Vernehmungen verstrickt,die von Berlin aus anbefohlen wurden, scheint es aber verstanden zuhaben, sich durch eine „deprecirende Erklärung" weiteren Unan-nehmlichkeiten zu entziehen, obgleich er gerade damals beim Ober-Präsidenten von Ostpieußen, Herrn Bötticher, sehr schlecht an-geschrieben stand, und zwar infolge eines Konfliktes mit der Königs-berger Zensurbehörde, deren Chef der Obeipräsident war.
Im Frühjahr 1842 hatte Jordan ein erstes Gedichtbändchen, aberanonym, erscheinen lassen: „Ostdeutschland. —■ Glocke und Kanone"(bei Theodor Theile in Königsberg), zwei „Zeitgedichte". Im Herbst