Druckschrift 
2 (1928)
Entstehung
Seite
277
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27; v. HOLTEI

d es Innern Nr. 279 b und c. — Literatur: Ludwig Geiger, „Das jungeDeutschland. Studien und Mitteilungen". Berlin (1907)- S, 16 ff. —Karl Glossy, „Literarische Geheimberichte aus dem Vormärz".Wien 1912, II, 63, 101 und III, 13, 16.]

V. HOLTEI, KARL (1798—1880).

„Denkst du daran, mein tapfrer Lagienka" und „Fordre niemand,mein Schicksal zu hören", sangen unsere Großväter einst ebensounermüdlich wie Webers unsterblichen „Jungfernkranz", und nochheute sind jene sentimentalen Melodien der Biedermeierzeit keines-wegs ganz verstummt. Sie erklangen zum erstenmal am 1. Dezember1825 auf dem Königstädtischen Theater zu Berlin in Karl v. HolteisLiederspiel „Der alte Feldherr", das den Polenhelden ThaddäusKosciuszko verherrlichte.

Wie war es möglich, ein Stück mit solch streng verpönter poli-tischer Tendenz auf eine Berliner Bühne zu bringen? Zensor derKönigstadt war ihr eigner Syndikus und technischer Leiter, JustizratKunowski. Die Königstadt hatte in dieser Beziehung die gleicheselbständige Stellung wie das Königliche Hoftheater, in dem diePolizei nur als Hüterin der Ordnung zu fungieren hatte, ohne einenEinfluß auf die Bildung des Repertoires zu besitzen. In zweifelhaftenFallen pflegte man sich an den König zu wenden oder an das Haus-ministerium, den allmächtigen Fürsten v. Wittgenstein. Und vomKönige selbst hatte Holtei in der Tat die Erlaubnis zur Aufführungseines neuen Werkes erhalten. Allerdings nur durch eine gewagteKriegslist, eine wohlüberlegte Irreführung des allerhöchsten Zensors,die ihren Urheber bei übler Laune des Königs leicht nach Spandauzu beschaulicher Betrachtung der dortigen Kasematten hätte bringenkönnen.

Ursprünglich sollte Napoleon der Held des Stückes sein. DieÄhnlichkeit eines Freundes und Kollegen an der Königstadt, desInspektors Remie, mit dem vor vier Jahren gestorbenen französi-schen Kaiser hatte den Dichter auf den Gedanken gebracht, diesenZufall zu einer überraschenden Wirkung auf den Brettern derKönigstadt auszunutzen. Der passende Schauspieler war da — fehltenur noch das Stück, und darum war Holtei nie verlegen. Aber inpuncto Napoleon war die Zensur in Preußen ebenso wie die inÖsterreich unerbittlich; den ehemaligen Gegner, den Toten vonSt. Helena, wollte man geschont sehen, eine Vornehmheit der Sou-veräne, die manchem Patrioten nicht in den Kopf wollte, und daauf die Intelligenz der Zensoren kein Verlaß war, wurde schlankwegalles verboten, was irgendwie direkt oder indirekt an Napoleon undseine Laufbahn erinnern konnte. Man strich ihn einfach aus derTheatergeschichte. Ein Stück mit Napoleon als Träger der Hand-