Druckschrift 
2 (1928)
Entstehung
Seite
267
Einzelbild herunterladen
 

267 HARTLEBEN

Mittagsvorstellung am Ostersonntag (2. April) 1893 fand die Pre-miere statt. Das Werk interessierte, aber wer eine Sensation er-wartet hatte, wurde enttäuscht. Der „Reichsanzeiger" äußerte begreif-licherweise die schwersten sittlichen Bedenken (Nr. 79 vom 4. April),aber auch die „Berliner Volkszeitung" sprach von einem „korrum-pierenden Einfluß auf die Menge" (Nr. 79 vom 5. April); eben weilsie stets die Zensur bekämpft habe, müsse sie um so strenger solcheGeistesprodukte abweisen. Maximilian Harden nannte „HannaJagert" eine „Experimentirdame" („Zukunft" 1893, III, 81), undals solche durfte man sie in einer Zeit des Übergangs gelten lassen.Zugleich mit der Erstaufführung erschien (bei S. Fischer) die Buch-ausgabe; auf der Rückseite des Titelblatts prangte die Anzeige desVerbots durch Herrn v. Richthofen, auf dem letzten Blatt die Frei-gabe des Stücks durch das Oberverwaltungsgericht. —

Von Hartlebens nächsten Stücken erregte die derbe Satire „Er-ziehimg zur Ehe" bei der Berliner Zensurbehörde wegen ihres „heik-len Stoffes" zunächst einige Bedenken, die sich aber durch etlichedezente Striche beseitigen ließen, nachdem die Uraufführung im„Deutschen Volkstheater" zu Wien am 11. September 1897 keinenWiderspruch gefunden hatte; in Kiel wurde das Stück verboten(siehe „Vossische Zeitung" Nr. 123 vom 14. März 1900). WährendBerlin den Einakter „Abschied vom Regiment" glatt genehmigte(7- Februar 1898), glaubte der Zensor in Dresden ihn nicht duldenzu dürfen (siehe „Börsen-Courier" vom 5. August 1899). Ein zweiterEinakter „Sittliche Forderung" schien der Polizei in Hannover zugewagt, wurde aber dann freigegeben (siehe „Vossische Zeitung",Nr. 116, vom 10. März 1900), und in Köln a. Rh. erklärte man einenganz harmlosen Vergleich zwischen Wurst und Liebe in dem drittenEinakter „Die Lore", einer Dramatisierung der „Geschichte vomabgerissenen Knopf", für unanständig; die Wurst behauptete dasFeld, die Liebe mußte weichen. Für das Theater „Schall und Rauch"hatte die Berliner Zensur das Stückchen ohne jeden Strich ge-nehmigt (25. Oktober 1901). Diese drei Einakter schloß Hartlebenzu einem Zyklus unter dem Titel „Die Befreiten" zusammen, dersich bei Schauspielern und Publikum großer Beliebtheit erfreute. —

Den durchschlagenden Erfolg hatte unterdes die Offizierstragödie„Rosenmontag" gebracht. Am 15. August 1900 reichte das DeutscheTheater dieses Stück der Polizei ein; schon am 18. war es genehmigt,allerdings mit etlichen zartfühlenden Strichen. „Du weißt, man hatsie eines schönen Morgens bei Grobitzsch gefunden", heißt es(S. 125) von der Geliebten Rudorffs; das „eines schönen Morgens"sollte fortbleiben. Ebenso waren alle Andeutungen von RudorffsVerkehr mit seiner Trude gestrichen: „Weißt Du? Es war immerschon früh, wenn ich von Dir kam, Süße" (S. 185), „diese seligen