ZWEITE ABTHEILUNG.
I. Speeialkrankenhä/aser.
1. Sonderkrankenanstalten und Fürsorge füransteckende Kranke.
VonDr. Ernst Levy, und Dr. Sidney Wolf,
a. o. Professor an der Universität Assistent am Institut f. Hygiene u. Bakteriologie
Strassburg i. E. der Universität Strassburg i. E.
Schon in der mosaischen Gesetzgebung des alten Testaments findenwir den ersten Anlauf zur Bekämpfung der Infektionskrankheiten in denstrengen Maassregeln gegen die an „Säraat" leidenden Individuen,Dieselben mussten ausserhalb ihres Heimathortes wohnen; ihre Wohn-stätten wurden direkt als infizirt, ja sogar als erkrankt, sie selbst alsunrein angesehen. Selbstverständlich können wir uns nicht auf die Ven-tilirung der Streitfrage einlassen, was für eine Krankheit unter „Säraat";zu verstehen sei; wir wollen nur bemerken, dass die frühere landläufigeüebersetzung mit Aussatz (Lepra) jetzt gewichtigen Zweifeln begegnet.
Die Lepra selbst gehörte von Alters her zu den gefürchtetstenKrankheiten, zu deren Bekämpfung drakonische Bestimmungen erlassenwurden, indem man die unglücklichen Aussätzigen in besondere Isolir-häuser (Leproserien) einsperrte. Diese interessanten prophylaktischenMaassnahmen sollen hier nur gestreift werden, da sie eine ausführlicheBehandlung in einem besonderen Kapitel dieses Handbuches erfahren.
Die eigentliche Lehrmeisterin jedoch, welche zum Erwachen hygie-nischer Bestrebungen führte, war die Pest. Die ersten Epidemien,über die wir genauere Aufzeichnungen besitzen, herrschten während einesgrossen Theils des 6. Jahrhunderts (531—58G) und sind bekannt unterdem Namen der „Pest des Justinian". Die Seuche wurde einzig undallein durch religiöse Maassnahmen zu bekämpfen gesucht. Auch diegrossen Epidemien des 14. Jahrhunderts („der schwarze Tod") brachtenin ihrem Beginn in dieser Beziehung keinen wesentlichen Fortschritt, führtenjedoch in ihrem Verlauf zu der Erkenntniss, dass die Pest eine ansteckendeKrankheit darstelle. Die nächste Folge davon äusserte sich allerdings nurin dem Bestreben, durch schnelle Flucht sich dem. Seuchenherde zu ent*ziehen nach dem alten Motto: „Mox fuge, longe recede, tarde redi."
Handbuch der Kranken Versorgung u. Krankenpflege. I. Bd. ^g