Geschichtliche Entwicklung der Krankenpflege. !)7
Ileore gefolgt war und dem gewaltigen Kampfe bei Solferino beigewohnt hatte. Nachder Schlacht trennte sich Dunant am Abend des 24. Juni von den siegreichen Fran-zosen und blieb auf dem Schlachtfelde, wo er nun die grausigen Verwundungen unddie überaus grosse Zahl unversorgt liegender, entsetzlich zugerichteter Krieger sah,denen alles fehlte, nicht nur Aerzte und Pfleger, sondern auch Brod und Wasser.Soviel in seiner Macht stand, sorgte er als barmherziger Samariter für Herbeischaffungder nöthigen Erquickungen und für ärztliche und sonstige Pflege. Aber er musstesehr bald erfahren, dass er mit den wenigen Priestern und Bauern der Umgegend,die er herangezogen hatte, nichts ausrichten konnte, bei 40000 Verwundeten undeinem Schlachtfelde von 20 km Länge. Hier bedurfte es Tausender von Pflegern,Pflegerinnen und Aerzten. Nach Beendigung des lombardischen Krieges schilderteDunant in einer Schrift: „Un souvenir de Solferino" alle diese Eindrücke undEmpfindungen und schliesst seine Erinnerung an Solferino mit einem Mahnruf an dieFürsten und Fürstinnen auf den Thronen, an Männer nnd Frauen des Volkes, sich zuvereinigen zu Werken der Barmherzigkeit für die Opfer der zukünftigen Kriege, andie Heerführer, die freiwillige Krankonpflege besser vorzubereiten und an die Männerdes Geistes, der Bildung und der Feder, die Bevölkerung für die Bildung von Ver-einen zur Pflege im Felde verwundeter und erkrankter Krieger anzuregen. SeinenBemühungen gelang es endlich, am 26. October 1863 in Genfeine internationale Con-ferenz, bestehend aus Abgesandten fast aller europäischen Staaten und des preussischenJohanniterordens zusammenzubringen. Sie beschlossen, in den einzelnen Ländern diesofortige Bildung von Vereinen anzuregen, die im Kriegsfalle den amtlichen Sanitäts-organen der mobilen Heere geeignete Helfer und Helferinnen und reichlichesKrankenpflegematerial zuführen sollten. — Man setzte in Genf ein ständiges inter-nationales Comite ein. das auf die einzelnen Landesvereine anregend und berathendeinwirken sollte. Im Hinblick auf den schon seit Jahren tobenden nordamerikanischenBürgerkrieg und den inzwischen ausgebrochenen dänischen Krieg wurde am8. August 1864 in Genf wieder eine Conferenz versammelt, die diesmal officiellvon allen Kulturstaaten beschickt wurde. Das Ergebniss dieser Conferenz ist die„Genfer Convention", ein Markstein in der internationalen Kriegskrankenpflege undder Beginn einer ausserordentlichen Entwickelung der modernen Krankenpflege undK'rankenpflegevereinsthätigkeit überhaupt. Die Genfer Convention bestimmt ungefährFolgendes:
„Der verwundete und erkrankte Feind gilt in den zukünftigen Kriegen nichtmehr als Feind, sondern ist, ohne Rücksicht auf seine Nation oder Religion, seinenRang oder sein Vorleben, nur ein Gegenstand barmherziger Liebe. Um der Ver-wundeten und Erkrankten willen sind in Zukunft auch die Aerzte, Feldgeistlichen,Lazarethbeamten, Verbandplätze, Lazarethe. Verwundetentransporte u. s. w. neutral,d. h. unangreifbar. Auch bei feindlicher Besitznahme der Lazarethe u. s. w. bleibtfortan das Sanitätspersonal ungestört bei seinem Berufsdienste und muss dasselbenach beendetem Dienste auf seinen Wunsch den Vorposten seiner Armee zugeführtwerden. Die Neutralität der Sanitätspersonen und der Sanitätsmittel wird durch einrothes Kreuz im weissen Felde (Armbinde bei Personen, Fahne bei Gebäuden u. s. w.)gekennzeichnet".
Heute gehören der Genfer Convention nicht nur sämmtliche christliche Völkerder Erde an, sondern auch die Türkei, Persien, Japan, China, Siam, Abessi-nien u. A.
Da aus Deuschland durch die preussisehe Regierung die Anregung zur Bildungder Convention im Jahre 1864 ausgegangen war und Preussen die Vereinbarung auchzuerst unterzeichnet hatte, so ist es kein Wunder, dass in Deutschland die durch
Handbuch, der Krankenversorgiing u. Krankenpflege. I. Bd. n