FICHTE 84
entscheidenden Instanzen in Dresden vor, beim Oberhofpredige 1 "Reinhard und beim Oberkonsistorialpräsidenten v. Burgsdorff, dem„Generalaufseher der Gelehrsamkeit und Religion durch ganz Sach-sen". Man gab ihm halbe Versprechungen und fühlte ihm auf denZahn: ein merkwürdiger Theologiekandidat, mit dem jede Unter-haltung zur Diskussion wurde, und dessen „ketzerische Nase" diesächsischen Gotteswirte beunruhigte. Burgsdorff, den Fichte „in derTheologie auf unglaubliche Weise verdreht" fand, verwies ihn aufdie akademische Laufbahn: „für die Kanzel schien er mich zu fürch-ten". Und darin hatte der mißtrauische Oberkonsistorialpräsidentnicht so unrecht.
In Wirklichkeit graute dem werdenden Philosophen vor derGummizelle einer Dorfpfarre. Von der Schweiz aus hatte er dasDrama der Französischen Revolution aus nächster Nähe beobachtet,und als Proletarier, den nach einer bitter schweren Jugend überall anseinem geistigen Leibe die Narben der Armut brannten, stand er mitseinem Empfinden ganz auf Seiten des sich empörenden Volkes. DerFreundeskreis, der ihn in Zürich umgab, galt später bei seinen Fein-den als ein passionierter Jakobinerklub. Die Stellung auch der Reli-gion im Staate mußte nach dem Zusammenbruch der alten verrottetenWelt eine völlig andere werden. Mit solchem Glauben wäre er beiden sächsischen Hofpredigern übel angelaufen; sie verschlosseneigensinnig ihre Augen vor den Zeichen der Zeit, obgleich es sogarim stillen Sachsen gärte: die Bauern bei Meißen und Oschatzrebellierten gegen das Wildhegen des Kurfürsten und gegen den Druckseitens ihrer Herrschaften; mit einigen Regimentern und etwas Nach-geben brachte man sie schnell zur Ruhe. „An eine Verbesserung vonGrund aus ist jetzt noch nicht zu denken", war Fichtes Ansicht(5. Sept. 1790). „Der Bauer, welcher allein dabei gewinnen könnte,ist dazu noch nicht aufgeklärt genug, ungeachtet er Schlözer's.Staatsanzeigen' lieset; und die höheren Stände alle können dabei nurverlieren. Es sind also nur Palliative, die den einstigen Ausbruch desFeuers mit doppelter Kraft nicht verhindern werden." Ein prophe-tisches Wort! „Verbesserung von Grund aus" blieb seitdem dieLosung für Fichtes gesamtes Wirken. Was sollte er mit dieserLosung auf einer Dorfkanzel! Die Welt war sein Forum, hierwollte er gehört werden, und er traute seiner Stimme Kraft genugzu, sich vor diesem Forum Geltung zu verschaffen. Das Wort beganneine Macht in der Welt zu werden, auch Deutschland brauchte einenMirabeau. Fichte nahm damals in Leipzig einen Kursus in Rhetorik,merkte aber bald, daß er seinem Lehrer schon überlegen war.
Der Rat Burgsdorffs war gut: die akademische Laufbahn konntezum Ziele führen; sie stand damals noch dem freien Gelehrtenoffen; eine tüchtige wissenschaftliche Leistung, und ein Ruf an eine