Druckschrift 
2 (1928)
Entstehung
Seite
79
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79 ESSIG

mann Essig zu denjenigen interessanten literarischen Erscheinungengehört; die eine Förderung gewiß verdienten, ist keinesfalls aus-reichend, um die Aufführung eines Werkes zu rechtfertigen, dasseiner ganzen Veranlagung nach geeignet ist, ernstesten Widerspruchauszulösen und daher nicht in die heutige große Zeit passen will.

Von Seiten des Oberkommandos

Der Chef des Stabes, v. Berge."

Diese Entscheidung wurde dem Lessingtheater am 6. Oktober zu-gestellt. Unterdes hatte die Direktion (2. Oktober) die Erlaubnisnachgesucht, zunächst eine geschlossene Aufführung ohne öffent-lichen Billettverkauf und vor geladenem Publikum veranstalten zudürfen. Auch dieser Antrag wurde am 8. Oktober vom Oberkom-mando abgelehnt, da ein solcher Versuch an dem Verbot der öffent-lichen Aufführung nichts ändern werde.

Wie niederschmetternd das Verbot auf den Dichter wirkte, zeigtsein Appell an die Öffentlichkeit in der ,,Vossischen Zeitung" vom17. Oktober 1917 (Nr. 531) :

„Trotz Gedankenstrich und Ausruf wurde das Drama ,Ihr stillesGlück —!' für Berlin verboten. Vielleicht wurden diese Schrift-zeichen mißverstanden. Sie sind aber nur dem Glück zugesellt, damites empfunden werde, daß es gestört wird, zerbricht, daß dies Be-dauern erweckt, Mitgefühl.

Es ist bitter, für eine Arbeit solcher Art ein Verbot zu erleiden.Sie schien mir des Mitgefühls wert und sicher, die arme Juden-tochter, welche in der ärmlichen Gasse wohnt. Der Student erkor siesich zur Braut. Ich hielt es für heldenhaft, sich gegen allen Kom-ment zu behaupten. Es schien mir bewunderungsvoll, ein reinesMädchen zu bleiben in einer liebelüsternen Umgebung.

Zwei junge Menschen sind durch den Blick der Augen zusammen-geführt, geleitet von der Reinheit ihrer Herzen inmitten der rohenund wilden Welt. Niemand beschützt die kleine Jüdin seit dem Tageihrer Geburt, sie lebt mutterlos, mit einem durch die Armut zerdrück-ten Vater, Sie ist schön wie ihre Mutter Rahel, ihre Sinnlichkeit istgroß, aber gerade deshalb gleitet die Schwächlichkeit des Lasters anihr ab. Für den liebenden Studenten erscheint sie aufbewahrt undbestimmt, weil er, ihr gleichgeartet, das Laster haßt, nicht aus Fröm-melei oder sonstigen Prinzipien, sondern aus einer Übermacht anKraft.

Das Drama ist ohne schwierigen Konflikt gestaltet. Es ist abereine voll Leidenschaft glühende Vision dieser Kraftgröße zweieredler Menschenkinder. Was sich um sie hüllt, ist Schlammwerk, wassich um sie in Worten äußert, ist sich blähendem Krötengeschrei