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Märchen des Mittelalters
Entstehung
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2.RITTER» UND FRAUENTREUE.

ES WAR EINMAL EIN RITTER, DER WAR EIN ARGERFeind feines Heimatlandes, und nachdem er vieler Verbrechen über»wiefen und des Todes fchuldig erkannt worden war, wurde er auf königlichenBefehl und Volksgeheiß verbannt. Und weil er weder in der Heimat, nochin der Umgebung einen Freund hatte, floh er weit weg in die Fremde, wonicht nur leine Miffetaten, fondern auch fein durch fie gefchändcter Name unbe-kannt war, und er nahm fich in lobenswerter Sinnesänderung vor, feine alteGraufamkeit in Milde und feine zügellofe Überhebung in maßvolle Tapferkeitzu verkehren. Er fügte fich zu einem mächtigen Herrn, und dem diente er foweislich, daß er deflen Untertanen möglidhft wenig Abbrudi tat und fich großenNutzen fchaffte/ er half ihnen, foveeit es die Treue zuließ, und fchadete ihnenweniger, als es die ihm angeborene Graufamkeit heifchte, nidit ohne folcher-weife deutlich zu zeigen, um wieviel mehr er vermocht hätte, als er tat.

Unter feinen Gefeilen bei jenem Machthaber war auch ein gar wackererMann, und der bat ihn, weil er ihm gleich trefflich zu fein fchien, um feineFreundfchaft. Er weigerte fie ihm nidit, und fie bekräftigten die Freundfchaftmit Schwüren und machten miteinander ab, jeden Schaden und jeden Gewinnzu teilen, und diefer Ritter nahm ihn in feine Stadt mit. Da er ihn aber niditmit feiner Gattin bekannt machen wollte, fo führte er ihn, ohne ihm fogar feinHaus zu zeigen, in eine Herberge. Nun wurde diefe Stadt von Nachbarnbekriegt, aber deren Kräfte vernichtete in wenigen Tagen die Kraft des Ver-bannten, und er teilte mit feinem Gefeilen alle Beute und allen Gewinn.

Und als dann wieder Friede war, ritt eines Tages der Fremde, trefflichangetan mit Gold und Purpur, auf einem prächtigen Streithengft durdi dieStraßen, und da fah ihn die Gattin feines Freundes, und fchon entbranntefie audi in Liebe zu ihm. Und fie entbot ihm durch ihre Kammermagd, erfolle in der Nacht zu ihr kommen, und er ging zu ihr, und beim Abfchiedebefchenkte fie ihn mit einer großen Menge Goldes und allerlei koftbarenSteinen. Bei der Teilung diefes Gewinftes fragte ihn fein Freund, woherer ihn habe, und fo kam er darauf, daß feine Frau verdorben und fein Geldvermindert worden war. Und da er feinen Reden entnahm, daß er in der