III. DAS NEUE REICH
Ist schon das Leid um die gegenwärtige Not unseres Landesschwer, so ist es noch schwerer unter dem Druck desWissens um unsre Vergangenheit. So wäre denn alles um-sonst gewesen: wäre langes Dulden und endliche Siege, wärendie Taten und Opfer der Vielen, die Werke der Führer undGroßen umsonst gewesen, umsonst unser Mühen nach Machtund Reichtum, umsonst unser Suchen nach tiefer Erkenntnisder letzten Dinge, umsonst unsre Qual um die Wahrheit desGlaubens, umsonst unser Streben nach Echtheit und Rein-heit der höchsten Bilder? Wir glauben es nicht und habenes nie geglaubt! Aber wo liegt der Sinn dieser Niederlagen,wo liegt der Sinn dieses furchtbaren Wechsels von Aufstiegund Niedergang, Sturz und Flug? Wo die Gewißheit, daß alldies dennoch kein Untergang ist, und wo die Kraft des geheimenGlaubens an die stetige Neugeburt, an die einstige herrlicheSchöpfung des deutschen Menschen und seiner Gemeinschaft ?Wer den Sinn dieses Schicksals erfahren hat, wird auch vordem Schwersten nicht mutlos werden, wird weder vor demDrohen der Feinde weichen noch vor den eigenen Wundenund Schwächen feige den Blick verschließen, sondern jenebekämpfend, diesen widerstehend aus ganzer Seele suchen,wegessicher und fest zu werden.
Wir sahen, wie die ursprüngliche Mischung des Rheines vonAntike, Christentum und Germanentum im Mittelalter zujener herrlichen Einheit von Reich und Volk und Kirche ge-dieh, in der alle Lebensgebiete und Lebensgesetze in einemgroßen Gleichklang schwangen und der deutsche Geist trotzseines Glaubens an die Vergänglichkeit aller irdischen Dingeunvergängliche Taten und Werke schuf, daß auch sein jen-seitsüchtiger Flug sich die schönste Erdenwohnstatt baute,weil alle Kräfte im gesunden ungespaltenen Leibe lebten.Wir sahen dann in einem weiteren Halbjahrtausend diesenBau zerbröckeln, sich in seine Glieder, Teile und Schichten
140