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Farben und Gebärden hatten? Gegen sie ist das Werk Melchior Lechters ein Sturmvon hinreissenden Gewalten, ein Farbenrausch von ungeheurer Kraft, aber gemeinsammit ihnen sind ihm Klarheit und Schönheit der Harmonien. „Es sollte sich", so liestman, „irgend ein weltentrücktes Haus, das der Erbauung dient, mit diesen Fensternschmücken; ein Museum, das der Kunst geweiht ist, sollte volles Licht einlassen unddie starke Luft eines gegenwartfreudigen Lebens ..." So legt die Museen zwischen dieFabriken! Zu was sollen sie denn dienen, wenn nicht zur „Erbauung"? Was sollen siegeben, wenn nicht einen stillen Ort, wohin der Mensch sich vor dem Wirbel der Städterettet, damit er die Werke geistiger Kräfte sehe und Kraft gewinne, nach deren Wertendas Leben zu formen? Ein Raum der Kunst soll nicht das trübe Licht des Alltags insich hineinlassen, sondern sein reineres Licht hinaustragen! Wer wirklich dieses „gegen-wartfreudige" Leben in Rauch und Qualm und Tosen kennt, der weiss, wie not derSeele eine stille, heiligende Stunde tut, dass sie nicht untergehe, und dazu hilft keinWerk dem Museum besser, als das selber den Triumph menschlicher Heiligung singt„Wie sonderbar müssten", so liest man, „dem gesundempfindenden Westfalenmannedie bleichen Jünglinge, die dekadenten Schwächlinge vorkommen ..." Der sachlicheIrrtum ist deutlich, denn der Westfälische Landtag war selbst der Besteller und stete För-derer des Werkes; „die bleichen Jünglinge" verraten den Mangel an jedem Verständnisfür die Glasmalerei, die nur einfarbige Tonflächen kennt; „die dekadenten Schwäch-linge" zeigen den typischen Mangel des Kritikers, überhaupt ein Starkes sehen zukönnen. Weil sie nur Seelenloses zu sehen gewohnt sind, kennen sie den seelischenAusdruck einer Miene nicht; weil sie nie das Erleben einer geistigen Arbeit im intui-tiven Sinne erfahren haben, halten sie für dekadente Linie, was Rune des schwerstenErlebens ist. Hier schreit freilich nichts naturalistisch-demokratisch, und durch diesestumme Verschlossenheit dringt nur die unerwehrbare Wellenlinie des inneren Sturmesbis an die Oberfläche. Aber weil ihnen die Sprache fremd ist, die diese Gesichtersprechen, die Gebärde fremd ist, die diese Gestalten über die Ebene des Gewöhnlichenerhebt, heisst ihnen tiefe Leidenserfahrung nur „schwächlich", strenge Zucht nur „eckig".Genau so hörten sie noch vor wenigen Jahren — der kräftige Wind hat jetzt schonmanche rostige Fahne gedreht — die Dichtungen Stefan Georges nur als Lautgeklingel:denn nicht nur ihr Ohr, sondern ihre Seele ist taub, nicht nur ihr Auge, sondern ihrGeist ist jblind. Sie wissen nicht, dass der Kampf um die Schönheit von jeher mit derGeburt des adligen Leibes begonnen hat, dass die Gestalten dieser Meister die Formender Zukunft in sich tragen: die aus innerem Stolz erzeugte Gebärde der edelgehaltenenRuhe, welche die Willkür der körperlichen Bewegungen im schönen rhythmischenZwange bändigt. Denn der wahre Künstler will nicht ein schönes Gebild schaffen, umdem Auge oder Ohr einige genüsslichen Augenblicke lang zu gefallen; er will uns mitseinem Werke im Tiefsten erschüttern, durch die Erschütterung in seine Lebensweltreissen, uns dort zwingen, ein Gewohntes zu verlassen, und indem er uns mit Bildernund Kämpfen eines höheren Daseins füllt, als sie der Alltag kennt, in uns selbst diehöchsten Gewalten aufrufen, dass sie Leib und Seele nach dem Geschauten umbildenund schöner formen. Die äusserste Möglichkeit einer solchen Einwirkung ist dem bil-