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Melchior Lechter
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MELCHIOR

lechter:

INITIAL AUSGOETHEUND SEINEFREUNDE"1909

ber innerhalb dieser Wälle und Gräben, welche Bewegung und wel-ches Leben! Das geistige Problem der Farbe ist hier durch denStoff selber letzte Lösung geworden: die höchste bewegende Ge-walt der Welt, das Licht, wird im durchscheinenden Glasstoff zumInstrument, dem der Künstler seine berauschenden Gesänge ent-lockt; indem er die Einheit des Lichtes in die unendlichfältigen far-bigen Töne zerlegt, die einzelnen zu rhythmischen Gruppen, dieGruppen wieder zu grossen Harmonien bindet, vermag er das Flu-tende zu fesseln, die Brände zu schönen Gluten zu einigen, und derRuf Faustens:Welch ein Getöse bringt das Li cht!" wandelt hier seine Bedeutung: die ge-bändigte Lohe der Farben wird Sprache! Hierin liegt der allgemeine Sinn dieser Werke:Die göttliche Bewegung wird durch den Menschen lebendige Form, wird Gestalt, unddarin liegt der besondere Sinn des letzten grossen Glasgemälde-TriptychonsLumende Lumine"! Licht vom Lichte: aus der höchsten Höhe des wolkenumzogenen, rosenfarbe-nen Himmelsdomes strahlt das reine weisse Licht hernieder; die menschlichen Augen ver-möchten seinen lauteren Glanz nicht zu ertragen, darum wandeln seine Strahlen sich in dieGenien der Ars Coelestina und Ars Humana und fallen erst aus ihren Händen als Weih-rauch und Rosen, als Gnaden, in die irdische Sphäre; zwischen ihr und dem unsagbarenFeuer der oberen Welt flammen die neun Kerzen des liebenden Verlangens: von oben ent-zündet, flackern sie wieder als Dank und Sehnen hinauf. Unten aber in schattenhafterenkühleren Tönen steht der schaff ende Mensch am heiligen Brunnen, dessen lebendiges Was-ser nur die sinnlich fassbare Form des Lichtes ist und erbittet vomUrsprung aller Bilder"das innere Gesicht, die innere Flamme, die innere Kraft. Als demütig Flehende, stolzHoffende, leidvoll Wissende, erschüttert Begnadete stehen die Künste am Brunnen unterden ewigen Sternen des veilchenfarbenen Himmels. Man müsste die Steigerungen Dantesbei der immer strahlenderen Entfaltung der himmlischen Rose besitzen, um nach derSchilderung der Pastelle und Tafelbilder die Gluten eines solchen Glasgemäldeszu beschreiben. Niemand, der sie einmal gesehen hat, wird die Herrlichkeit diesesSchimmers funkelnder Edelsteine vergessen; vor ihm hat selbst die kritischen Gehirneunserer Tage der ihnen so fremde Schauer frommer Stille und zwingender Weihe ge-fasst. Freilich, wie vermöchten sie sich ganz dem Edlen hinzugeben: dass MelchiorLechter in der Glasmalerei der unbestrittene Meister der heutigen Kulturwelt und dererste seit vielen Jahrhunderten ist, müssen sie für dieTechnik" zugeben, aber wollenes welch ein Unsinn! für denStil" nicht gelten lassen. Ihre Meinung würde unsnicht kümmern, wenn nicht das gesunde Gefühl der Jugend durch solche Missleitunggefährdet würde, und an nichts ist uns mehr gelegen, als diese zu bewahren und zueinem schönen Menschentume zu fördern.Es sei", so liest man vomLumen de Lu-mine",seltsam, dass im Lande der kernigen Westfalen gerade dieses sublimste Kunst-werk seinen Platz finden solle ..." Aber kennt ihr denn die alten westfälischen Meisternicht, die vor fünf- bis sechshundert Jahren wohl nicht weniger kernhaft waren? Nichtden Konrad von Soest, nicht den Meister des Liesborner Altares und alle diese wunder-baren Künstler, die eine ungleich zartere Tönung, eine ebenso feine Differenzierung der