Druckschrift 
Melchior Lechter
Entstehung
Seite
39
Einzelbild herunterladen
 

39

sind dem Material angemessen immer kräftig im Strich und durch tektonisch festeUmrisse gebunden; die Blatt- und Blumenzierden sind von einer quellenden Phantastikder Traumwelt, aber auch in den gewagtesten Verschlingungen immer organisch ent-wickelt, nirgends ist auch im schwierigsten Räume ein kleiner Betrug gestattet, um eineSchwierigkeit in Ecken und Wendungen zu lösen: alles wurzelt, wächst, biegt sich,knospet und blüht nach dem lebendigen Gesetz im Blute des Künstlers. Ja, wenn wiruns der Vorbilder Lechters auf seinem Wege künstlerischer Selbstzucht erinnern, sosehen wir, dass die Schriften selbst, die er zu schönen Druckwerken gestaltet, kein Zu-fälliges, sondern jedesmal der Ausgangspunkt einer Gestaltung sind und so auch dergeistige Inhalt tief in das Wesen des Ganzen einbezogen ist. Er ehrt so mit seinembesten Können, was er selbst verehrt und liebt, und will zu den schon vollendetenShakespeare, Goethe, George auch die Werke der anderen Führer und Lehrer derMenschheit gesellen, um dem Würdigen auch ein würdiges Kleid zu geben.

Dieses gleiche Verhältnis des dargestellten Gegenstandes zur eigenen Anschauungder Welt oder um die Beziehung noch inniger zu deuten: zu den Sehnsüchten und Er-füllungen seines Lebensglaubens finden wir auch auf seinen Tafelbildern wieder. Wirbesitzen heute weder einen Mythos wie die frühen Griechen noch eine Heilige Geschichtewie die Menschen der Gotik als Gesamtgut des höchsten Erlebens und damit als höch-sten Gegenstand der künstlerischen Darstellung: der einzelne Schaffende ist noch alleinder Bildträger seiner vereinzelten Welt; darum kann für den Künstler nur im künstleri-schen Schaffen selbst das höchste Erleben liegen, und die höchsten Gegenstände seinerDarstellung sind also Lust und Schmerz der schaffenden Seele selbst. So sehen wir beiMelchior Lechter nach den Jugend werken, die meist noch die Bilder der äusseren Naturvariieren z.B.Frühling";Herbst";Der Nachmittag";Liebesgarten" u. a. dieganze Welt des inneren Geschehens in immer neuen Themen erstehen und von seineminneren Ringen Zeugnis geben:Der heilige See" (1891),Blaue Blume Einsamkeit"(1893),Die Stille" (1893),Die Inspiration" (1893),Die Muse am Meer" (1894),Schattenland" (1896),Traumgefilde" (1896),Orpheus" (1896) undDie Weihe ammystischen Quell" (18991902) (vergl. Abb. zw. S. 48 und 49) haben als Gegenstand derDarstellung die Erwartung, den Kampf oder die Erfüllung des Inneren Gesichts und sindzugleich selber die Äusserungen dieses Ringens, sind selber Kampfplatz und Kampf preis!Von diesem Blickpunkte aus versteht man vielleicht am besten die Deutung der damalsnotwendigen LosungDie Kunst für die Kunst" als eine Freiheit des schöpferischenZentrums von jedem anderen Zwecke als dem seiner Selbstdarstellung und begreift,dass bei der Zersplitterung aller Zwecke am Ende des neunzehnten Jahrhunderts in deräussersten Anspannung dieser Freiheit die einzige Möglichkeit einer Lebenserneuerunglag. Und nur von hier aus vermögen wir auch die malerische Form dieser Tafelbilderzu verstehen: fast auf allen finden wir die Gestalt des Menschen allein, nur von denGenien seines geistigen Reiches begleitet, in der Einsamkeit einer Landschaft, die zu-gleich sein Träger und Spiegel ist; da kein äusserer Vorgang irgendwelcher erzählenderoder schildernder Art vorgeführt, sondern nur ein innerer verbildlicht, in Wirklichkeitzum Bilde gemacht wird, so sind alle Gestalten und Dinge ruhig, in formalem Sinne