36
bänden die grösste Sorgfalt widmete, Form, Schrift, Material und Zutat selbst bestimmteund einige mit Handmalereien zierte, war es natürlich, dass er wie in der Vergangen-heit, so auch in der Gegenwart nach guten Vorbildern suchte, bis er sie vor allem inEngland in den herrlichen Büchern von William Morris fand. Noch wichtiger aber als
die Versenkung in die üp-pige und doch streng sach-liche Pracht der Werke derKeimscott-Press, die Mor-ris im Jahre 1891 begrün-det hatte, war für MelchiorLechter das Zusammen-schlagen mit der neuengeistigen Sphäre der deut-schen Dichtung: schon imJahre 1890 hatte StefanGeorge in Berlin die ersteSammlung seiner Gedichte„Hymnen" drucken lassen;in den nächsten Jahren folg-ten in Wien „Pilgerfahrten",in Paris „Algabal" und 1892die erste Folge des erstenBandes der „Blätter für dieKunst". Diese kleinen Bän-de und Hefte unterschiedensich völlig von den damali-gen Erzeugnissen der Buch-druckerei: sie verzichtetenauf jeden überflüssigenStrich und Schnörkel, siehatten einen einfachen,aber guten Umschlag, eintoniges Papier, ein Satz-bild, das durch eine rhyth-mische Verteilung
eines
oder mehrerer Gedichteeine wohltuende Harmoniezweier Seiten und zugleichein beeindruckendes Bilddes geistigen Erzeugnisseszu geben suchte, statt derhässlichen Fraktur, die manfälschlich die „deutsche"Schrift nennt, während esin Wahrheit eine Barock-schrift ist, eine kräftige An-tiqua, die auch ermöglichte,alle Hauptwörter mit klei-nen Anfangsbuchstabenzu schreiben, die einzigeWeise, wie heute jederGegner zugibt, ein ruhigesDruckbild zu erzeugen unddie in Dänemark, das da-rin die gleiche Rechtschrei-bung wie wir besass, seitdem vorigen Jahre denvollen Sieg errungen hat:kurz, diese Bücher trugenschon das Gepräge einergeistigen und sachlichenEinheit, die einzig auseinem inneren Zwange ent-standen war. Sie warenmit keinem wirtschaftlichenZwecke belastet, sie woll-
MELCHIOR LECHTER! STUDIE FÜREIN GLASGEMÄ1LDE 1907
ten auch nicht, wie die Werke der Präraffaeliten nach der Lehre John Ruskins „Kunstfür das Volk" sein, um sofort nach ihrem Erscheinen — freilich gegen die Absicht derKünstler — zu unerhörten Preisen in die Hände der englischen Geldaristokratie zukommen, sondern sie traten in schlichtem Stolze vor einige Herzen, die ihnen Liebe,Arbeit und Begeisterung schenken wollten. Eines der ersten, das sich ihnen öffnete,war das Melchior Lechters: in den Dichtungen dieser Bände fand er den gleichen Adelder Gebärde, den er für sein ^erk suchte, die gleiche Strenge der Anforderung an den