Druckschrift 
Melchior Lechter
Entstehung
Seite
34
Einzelbild herunterladen
 

34

Wir sagten, dass die Hand des wahren bildenden Künstlers die Formung keines Gegen-ständlichen verschmäht: so haben wir von Melchior Lechter Programme, Plakate, Kata-loge, Kalender, Geschäftskarten, Firmenzeichen (vgl. Abb. S. 28), Exlibris und Notentitel-blätter zu Werken von Händel, Conrad Ansorge und Richard Wintzer (vgl. Abb. S. 30),die nach dem^Wesen ihres Zweckes oder ihres Gehaltes von eindringlich wirkender Ein-fachheit oder blühendem Erfindungsreichtum des Dekors und des Rhythmus sind, abereine gemeinsame Wirkung durch die einheitliche Behandlung der Schrift verströmen.Denn von ihr oder noch besser von ihrem Grundträger, dem Buchstaben, ist MelchiorLechter bei allen Kompositionen solcher Einzelblätter als dem bestimmenden Teile ausge-gangen, hat das Geheimnis ihrer ornamentalen Wirkung in der schlichten Zeile oder inder Einigung mit architektonischem, figürlichem und pflanzlichem Schmucke in immerneuen Abwandlungen gesucht und in wundervollen Lösungen gefunden. Wo die SchriftTitel ist, wirken seine Buchstaben mit der ruhigen Monumentalität der Ansage, wo sieergänzendes Beiwerk ist, ordnen sie sich wie Untertöne den umfassenderen Akkordender ganzen Ornamentik ein, die das in den Grössenmassen schon sorgfältig abgewogeneBlatt immer in schöne feste und klare Räume teilt. Mit solchen Leistungen hatte MelchiorLechter schon die wesentliche Arbeit für ein Gebiet begonnen, das in Deutschland amAnfang der neunziger Jahre ärger verwüstet lag als manches andre: für die Buchkunst.Eine Kunst, in der das deutsche Mittelalter durch die Inkunabeln-Drucke, die Renais-sance durch die Werke von Dürer, Cranach, Burgkmair das Schönste für den abend-ländischen Kulturkreis geleistet hatten, war in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahr-hunderts endgültig und völlig verloren gegangen. DieSchreckensherrschaft derdeutschen Prachtwerke" begann damals ihr fürchterliches Wesen zu treiben und jedenguten Geschmack mit ihren gequälten Lederstriemen zu vernichten. Auch die kost-barsten dieser Bücher waren nur ein zusammengewürfeltes Etwas von schlechtem Glanz-papier, schlechtem Druck, schlechter Anordnung und schlechter Illustration in Gold-schnitt. Max KlingersAmor und Psyche des Apulejus" aus dem Jahre 1880 wirktdurch künstlerische Maasse und künstlerischen Schmuck wie ein Labsal in dieser Wüste;aber trotz mancher Schönheit der Erfindung frösteln wir auch hier noch vor derIllu-stration". Was nicht Prachtwerk war, versank im Schutt der elendgedruckten, elend-geheftetenbroschierten" Bogen, die auch heute leider noch nicht nur beim Romander Hintertreppe Hand und Auge beleidigen. Freilich gerade bei der Broschüresetzte damals der wirtschaftliche Wettkampf mit einer Neuerung ein: einige Verlegererkannten, als der neue Plakatstil von Frankreich herüberschwemmte, dass sich imBuchumschlag selbst ein gutes Ausruf-Plakat für den Inhalt eines Buches darbiete, undes ist nicht ihr Verdienst, wenn manche der heute gerühmten Künstler, die sie mit dieserArbeit betrauten, für die oberflächlichen Aufgaben schöne künstlerische Lösungen fan-den. Einige von ihnen drangen später, durch das Vorbild der neuen kämpferischenZeitschriften fortgerissen, mit Schmuck- und Ornamentstücken auch in das Innere derBücher ein, aber auch diese Versuche mussten notwendig an der Oberfläche haftenbleiben, bis ein Auge kam, das ein Druckwerk als Ganzes sah, eine Hand, die von einemfesten geistigen Zentrum geleitet wurde, ein Wille, der aus eigenem Bedürfnis aus dem