291
entsteht, je nach dem er gepflegt wird, ein edler oderminder edler Baum des Charakters. Freilich kann derMensch unendlich viel beitragen zu seiner eignen Entwicklung;aber er kann kein Wunder thun, er kann nicht die körper-liche und geistige Grenze überschreiten, die ihm der ewigeMeister der Schöpfung angewiesen hat. Insofern ist derMensch nicht absolut frei. Aber er ist frei der Außen-welt gegenüber, oder er hat wenigstens eine bestimmte An-lage zu dieser Freiheit in sich. So lange der Menschvon den sinnlichen Reizen, die ihn umströmen, ganz undgar abhängig ist, so lange er von Mächten außer ihm,sie mögen nun Glanz, Pracht, Genuß, Mode, Herrschaft,oder sonst wie heißen, sich bestimmen läßt, ist er einSclave. Er steht noch auf dem Standpunkte des Sünden-falles, und ist keinen Schritt weiter als sein StammvaterAdam. Die geistige Auferstehung aber feiert der Mensch,wenn er anfängt, sich seiner inneren geistigen Entwicklungbewußt zu werden» wenn er die edleren Neigungen in sichhebt, steigert und befestigt. Jede Stufe, die er in dieserHinsicht ersteigt, ist eine Stufe zum Tempel seiner geistigenFreiheit. Sie hat im Menschen ihre ideale Höhe erreicht,wenn er seinen Willen mit dem Willen des ewigen Meistersvollkommen vereinigt hat. Dann tritt das wahre Lebenin Gott, die rechte Herrschaft über die Außenwelt ein;ein Ziel, welches freilich immer nur Wenige unter denSterblichen erreichen.
Eine andere Folgerung, die aus dem obigen SatzSpinoza's hervorgeht, ist: Die Erde hat keine Teufel,sondern nur Kranke, die unter der Last ihrer Leidenschaftenseufzen und von ihnen geblendet wie Blinde dahin irren.Die Laster und sittlichen Gebrechen der Menschen sind
19 '