Da das Wesen der Baukunst fast vollständig aus dem Volksbewußtseinentschwunden ist, so ist es notwendig, daß wir uns zunächst über diesenBegriff wieder klar werden; das umsomehr, als die verschrobensten An-sichten über die Baukunst und über alles, was mit ihr zusammenhängt,herrschen und von gedanken- und gewissenlosen Unternehmern unwissent-lich oder geflissentlich genährt werden.
Kunst im Allgemeinen — ist der richtige sinnfällige Ausdruck in irgendeiner Dastellungsweise. Sie ist also gewissermaßen eine Sprache, inder sich der Künstler (Kunstkönner) auszudrücken versteht. Wer dieseSprache versteht, ist Kunstverständiger, Kunstkenner. Zu einer Sprachegehören Ausdrucksmittel: Wörter, die den Kunstfertigkeiten glei-chen. Unter Kunstfertigkeit versteht das Volk schlechthin Kunst, ähnlichwie es die Begriffe Sprache und Wortschatz verwechselt. Man kannnicht genug vor der Verwechslung dieser Begriffe warnen; denn sie istes Schuld, daß Nichtkünstler und Scheinkünstler, — je nachdem sie'sehrlich meinen oder Gaukler sind — als Künstler genommen werden.Denn wie ein Kind ein Gedicht, ohne es zu verstehen, wie aneinander-gereihte Wörter herplappert, so wenden jene ihre Kunstfertigkeiten an,ohne uns etwas damit zu sagen. Diese Anwendung von Kunstfertig-keiten hat nichts mit der Ausübung der Kunst gemein, sie ist Künstelei,weil ihr der geistige Gehalt fehlt. Tritt aber zur Kunstfertigkeit derrichtige, sinnfällige Ausdruck: Die Vergeistigung des Darzustellenden,so haben wir Kunst vor uns.
Was von der Kunst sim Allgemeinen gilt, gilt von der Baukunst imBesondern. Sie schafft Bauwerke, die ihre Zweckbestimmung richtig undsinnfällig zum Ausdruck bringen; um mich noch allgemeiner und schär-fer auszudrücken: Sie schafft Aufenthaltsorte, die da sind, was siesein sollen und ausdrücken was sie sind.