werfen". Er besaß vielleicht noch sonderbarere Einsichtenin die schwebende Unwirklichkeit und Unsolidität seines Da-seins. Er war, ein Franzose von Geburt, in Deutschlandheimisch geworden und konnte sich sagen, daß er, wennder Zufall es gewollt hätte, ebenso gut überall sonst hätteheimisch werden können. Ausdrücklich erklärt er irgendwoin seinen Schriften, daß er die Gabe in sich gesunden habe,„sich überall gleich zu Hause zu finden"; und eine ähnlicheBewandtnis hatte es vielleicht mit seiner außerordentlichenBegabung für alle möglichen Sprachen, von der deutschenbis zur havaiischen, die man bei ihm fesigesiellt hat. Waswar er, wer war er überhaupt? Ein Nichts und ein Alles?Eine unumschreibbare, überall heimische und überall un-mögliche Unperson? Es mag Tage gegeben haben, wo ersich nicht gewundert haben würde, wenn er vor lauter Un-bestimmtheit und Unwirklichkeit nicht einmal einen Schattengeworfen hätte.
Der Schalten ist im „Peter Schlemihl" zum Symbolaller bürgerlichen Solidität und menschlichen Zugehörigkeitgeworden. Er ist mit dem Gelde zusammen genannt, alsdas, wag man zu verehren habe, wenn man unter denMenschen leben wolle, und dessen man sich nur entschlagenmöge, wenn man ausschließlich sich und seinem besserenSelbst zu leben gewillt sei. Den Bürgern, wie man heutesagen würde, den Philistern, wie der Romantiker sagte,gilt der ironische Zuruf: ,,8ouAs? au solide!" Aber Ironieheißt fast immer, aus einer Not eine Überlegenheit machen,und dag ganze Büchlein, das nichts als eine tief erlebteSchilderung der Leiden eines Gezeichneten und Ausgeschlos-senen ist, beweist, daß der junge Chamisso den Wert einesgesunden Schattens schmerzlich zu würdigen wußte.
Mann, Rede und Antwort