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Doktor Faustus : das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn, erzählt von einem Freunde
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hatte. Ich erbebte nun aber bei dem Gedanken, dass seineKeuschheit seitdem, seit jener Umarmung, seit seiner vorüber-gehenden Erkrankung und dem Verlust seiner Ärzte währendderselben, nicht mehr dem Ethos der Reinheit, sondern demPathos der Unreinheit entsprang.

Immer hatte in seinem Wesen etwas vom "Noli me tangeregelegen, - ich kannte das? seine Abneigung gegen die allzugrosse physische Nähe von Menschen, das Einander-in-den-Dunst-kreisgeraten, die körperliche Berührung, war mir wohlvertraut.Er war im eigentlichen Sinn des Wortes ein Mensch der"Abneigung* 1 , des Ausweichens, der Zurückhaltung, der Distan-zierung. Physische Herzlichkeiten erschienen ganz unverein-bar mit seiner Natur? schon sein Händedruck war selten undwurde mit einer gewissen Eile vollzogen. Deutlicher als jetrat diese ganze Eigenheit während unseres neuerlichen Zu-sammenseins hervor, und dabei war mir, ich kann kaum sagen,warum, als hätte das "Rühre mich nicht an!", das "Drei ßchrit-te vom Leibe!" gewissermassen seinen Sinn verändert, als wer-de damit nicht sowohl eine Zumutung zurückgewiesen, als eineumgekehrte Zumutung gescheut und vermieden, - womit denn auchoffenbar die Enthaltung vom Weibe zusammenhing.

Nur einer so dringlich beobachtenden Freundschaft, wieder meinen, konnte ein solcher Bedeutungswechsel der Dingefühlbar oder ahnbar werden, und Gott sei davor, dass die Wahr*-nehmung mir die Freude an Adrians Nähe beeinträchtigt hätte!Was mit ihm vorging, konnte mich erschüttern, mich aber nie-mals von ihm entfernen. Es gibt Menschen, mit denen zu lebennicht leicht, und die zu lassen unmöglich ist.

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