Druckschrift 
Doktor Faustus : das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn, erzählt von einem Freunde
Seite
163
Einzelbild herunterladen
 

Sobald wie möglich, wenn auch nicht ohne Besorgnis, gaber sich mit seiner Bärbel ein Stelldich ein, und während derGlöckner glöckelte, hatten sie miteinander die wohlgeratensteStunde. So fand er seine Jungmannsehre wiederhergestellt undhätte vergnügt sein können. Denn ausser der Ersten und Einenwar ihm an keiner gelegen, und warum sollte ihm also an sichviel gelegen sein, ausser bei ihr? Aber eine Unruhe war seitjenem Fehlschlag in seiner Seele zurückgeblieben, und es bohr-te in ihm, dass er sich auf die Probe stelle und einmal, wennauch dann niemals wieder, der Herzallerliebsten ein Schnipp-chen schlüge. Darum lugte er heimlich nach einer Gelegen-heit aus, sich zu versuchen, sich und auch sie; denn er konntekein Misstrauen hegen gegen sich selbst, ohne dass es als lei-ser, zwar zärtlicher, aber banger Verdacht zurückgegangenwäre auf die, an der seine Seele hing.

Nun fügte es sich, dass er im Keller des Weinwirts, eineskränkelnden Wanstes, die gelockerten Reifen zweier Fässeran den Dauben festzuschlagen bestellt war, und des Wirtes

Weib, ein noch rösches Frauenzimmer, mit hinabstieg und ihm

\

bei der Arbeit zusah. Da streichelte sie ihm den Arm undlegte den ihren daran zum Vergleich und machte ihm solcheMienen, dass er ihr unmöglich abschlagen konnte, was zu lei-sten sein Fleisch bei aller Willigkeit des Geistes dann dochgänzlich gehindert war, sodass er ihr sagen musste, es tan-zerte ihn nicht, und er habe es eilig, und gewiss komme gleichihr Mann die Treppe hinunter, und Fersengeld gab, indem erder verbittert Hohnlachenden schuldig blieb, was kein rüsti-ger Bursche schuldig bleibt.

Er war tief verwundet, irre gemacht an sich selbst undnicht nur an sich; denn der Verdacht, der sich schon nach demersten Missgeschick in seine Seele geschlichen, besass ihnnun ganz, und dass er des Teufels Märtyrer sei, litt für ihnkeinen Zweifel mehr. Darum, weil das Heil einer armen Seele

163