wohnung hauste, - eine Alte, deren Habitus sich dem öffent-lichen Vorurteil in dem Grade angepasst hatte, dass auch denganz Ungestimmten bei der Begegnung mit ihr, besonders, wenngerade die Jugend hinter ihr her war, und sie sie mit keifendenFlüchen in die Flucht trieb, ein archaisches Grauen anwan-deln konnte, obgleich bestimmt nichts Unrechtes an ihr war.
Hier ein ungescheutes Wort, das aus den Erfahrungen unse-rer Tage kommt. Für den Freund der Aufhellung behalten Wortund Begriff des "Volkes” selbst immer etwas Archaisch-Appre-hensives, und er weiss, dass man die Menge nur als "Volk”anzureden braucht, wenn man sie zum Rückständig-Bösen verlei-ten will. Was ist vor unseren Augen, oder auch nicht just vorunseren Augen, im Hamen des "Volkes” nicht alles geschehen,was im Hamen Gottes, oder der Menschheit, oder des Rechtesnicht wohl hätte geschehen können! - Tatsache nun aber ist,dass wirklich Volk immer Volk bleibt, wenigstens in einer be-stimmten Schicht seines Wesens, eben der archaischen, und dassLeute und Hachbarn vom Kleinen Gelbgiesser-Gang, die am Wahl-tage einen sozialdemokratischen Stimmzettel abgaben, gleich-zeitig imstande waren, in der Armut eines Mütterchens, dassich keine oberirdische Wohnung leisten konnte, etwas Dämoni-sches zu sehen, und bei ihrer Annäherung nach ihren Kindernzu greifen, um sie vor dem bösen Blick der Hexe zu schützen.Müsste ein solches Weib wieder brennen, wie es bei leichtenVeränderungen in der Begründung heute keineswegs mehr aus demBereich des Denkbaren fällt, sie würden hinter den vom Magi-strat errichteten Schranken stehen und gaffen, wahrscheinlichaber nicht revoltieren. - Ich spreche vom Volk, aber diealtertümlich volkstümliche Schicht gibt es in uns allen, und,um ganz zu reden, wie ich denke: ich halte die Religion nichtfür das adäquateste Mittel, sie unter sicherem Verschluss zuhalten. Dazu hilft nach meiner Meinung allein die Literatur,die humanistische Wissenschaft, das Ideal des freien und schönen
57