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Wider den Karneval
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Wider den Karneval.

Wer in den zwei oder drei letzten Tagen vor Beginn.derPassionszeic durch die Straßen und Gassen einer rheinischen,besonders einer mederrheinischen Stadt geht, der konnte allenErnstes zweifelhaft werden, ob er in emer christlichen odernicht oielniehr in einer heidnischen Stadt wanoere. Maskenin kleineren oder größeren Trupps zusammen, unziemlicheScherze, wüster Lärm, ein tolles Treiben — das ist es, demman dort auf Schritt uno Tritt begegnen muß.

Was ist das? Fastnachtsseier! Die Leute nennen dasalles mit dem Fremdwort „Karneval"! Schon das Wortzeigt, das die Sache nicht von heut und gestern, sondern schonaus alter Zeit stammt. Die rheinischen Städte haben nurden zweifelhaften Ruhm, den alten Skandal bis auf unsereTage sortgepstanzt zu haben. Karneval, d. h. zu deutsch:Fleisch, lebe wohl! Uno damit ist schon einigermaßen berCharakter der ganzen Feier gekennzeichnet. Die Feier derFastnacht mit allerlei weltlichen und sinnlichen Freuben warein Zugeständnis, welches in vorwiegend römisch-katholischenGegenden, namentlich in Italien, die Geistlichkeit schon in denersten Anfängen der Kirche dem Volke — wütig oder wieder-willig — machte. Im Hinblick auf die lange, mehr oderminder strenge Fastenzeit wollte der natürliche Mensch nocheinmal nach Herzenslust sröhlich sein, singen, tanzen, schmausen,sich gütlich thun. Dies geschah ganz besonders am letztenTage, am letzen Abend und in der letzten Nacht vor Beginnder Fasten, oder auch schon vom Sonntag Quinquagesimae, jasogar nach Epihanias, endlich sogar kurz nach Weihnachtenbis zum Lage vor Aschermittwoch. Am letzten Tage war derEndpunkt und darum der — Gipfelpunkt oec Lust. Daherder Name Karneval („Fleisches-Abschied"), der in Rout selbstund in Venedig, später in München, dann in den Städtenam Mittel- uno 'Niederrhein, Coblenz, Köln und Düsseldorf,namentlich aber in Köln zu einer seltenen Berühmtheit gelangtist. Im Anschluß«» heidnisch-römische Gebräuche gestatteteman in Rom, und in Italien überhaupt, dem Volke, in Maskenri, eZchKnen um u nter de m Schutz derselben u nd ibrer Frei:,heit der Lust des einzelnen freien Lauf zu taffen. Heidnischseinem Ursprung uno heidnisch seinem Wesen nach -. dasist und bleibt der Karneval. Ooer ist mit dem letzteren zuviel behauptet? Viele halten ihn für ein harmloses Ver-gnügen, das inan den Menschen nicht stören dürfe, sondernvon Herzen gönnen müsse. Laß sehen, ob es wirklich soharmlos ist?!

Da beginnen schon bald nach Neujahr die „närrischen,wohlgekappten und wohlgeflappten" Sitzungen, in denen Dicht-und Redekunst ganz wunderliche Blüten treiben. Witze ohneKraft und Salz, Narrenpoffen ohne Humor, aber sehr oftsolche Scherze, die einem die Schamröthe in's Gesichttreiben oder gar an dem Heiligen sich vergreifen. Da heißtes z. B. in einer „standrede", m der die verschiedenenStände gepriesen werden, u. a.: „Ein fleißiger, strebsamerStand ist der Stand der Herren Wirthe. Von Morgens frühbis Abends spät lassen sie ihren Gefühlen freien Lauf, siehalten sich streng an der Bibel, denn sie spetsendie Hungrigen und tränken die Durstigen" (vergl.Kölner Karnevals-Ulk Nr. 4, 1868); oder in emer anderen,die von den verschiedenen Nächten handelt, der italienischenNacht, Brautnacht u. s. w., am Schluß von der Fastnacht:„Diese ist die wesentlich wichtigste aller Nächte im Menschen-leben. Sie ist ziemlich lang, denn sie beginnt mit dein erstenJahrestage und endet Aschermittwoch. Sie ist oie Zeit desJubels und der Freude, der Weisheit und der Narrheit, deroffenen Herzen und der offenen Portemonnaies. Alle Sorgenwerden über Bord geworfen, und der Mensch zeigt sich imMaskeugewande wirklich unmaskirt. Recht so, man freue sichman jubele, man tolle, man genieße das kurze Märchenteben,welches das Geschick uns darbietet; es sind ja der bitterenStunden schon so wie so. so viel — und da ist es die gute,liebe, alte, von unsern Vätern hochgeschützte Fastnacht, welchedem Herzen alle Schmerzen entnimmt und ihm neue Kraft,neuen Lebensmuth, neuen Glaubeil an die Menschenbrüdereinflößt."

„Ob Fastnacht oder Fastelabend, gleichviel, es ist die schönste

Nacht,

Tie gleich dein Vollmond mild und labend in unsre Mensche»-

Herzen lacht."

„Gleichviel, ob auch im LebensnächtenfDie Sorgen trüben unsern MuthUnd noch so viel des Kummers brächten,

Die Fastnacht, sie macht alles gut!"fA. a. O. Nr. tz, ,,A. 22.)

Ist das Sinn oder Unsinn, eine solche Lebensweisheit?Und was soll mau dazu sagen, was wir aus einer anderensolcher Sitzungen lesen: „Der junge Narr erwies sich als desVaters würdigen Sohn. In Laune unb Witz leistete er inseinem Bericht über den Karneval im Himmel, wo er MeisterHoppeditz aufsuchle und in Abrahams Schoß Mit vielenanderen denkwürdigen Narren zusammen anstieß re., höchstErfreuliches." - Solche Frivolitäten, die sich am Heiligenvergreifen, sind fast säflimmer noch, als alle die Zwei-oeuligkeiten und die Sinne kitzelnden Ausführungen, die wirgar nicht hierher setzen mögen. Ist das alles „harmloserFrohsinn"? Und nun erst oas tolle Treiben in oen letzten,eigentlichen Aastnachtstagen! Der Wochenplauoerer oerKölnischen Volkszeitung, eines entschieden katholischen, Blattesmußte es im Jahre 1889 selbst zugeben, daß die meisten Kölnerbeu Schwerpunkt oer närrischen Freude in die Sitzungen ver-legen, „da sich au den drei Karnevalstagen vielfach Roh eituno Gemeinyeiten breit machten". Die Polizeiberichte 0erTage nachher liefern dafür Veit besten Beweis, „sie lasen sicham anderen Morgen wie Berichte über grausam uno blutigdurchkämpfte Schlachten. Hinter dem Raufbold schlich derDieb her, und auch er betrieb unter dein Schutz der Ver-larvuug sein unehrliches Geschäft Mit großem Erfolg" — soschrieb im Jahr 1888 eine Nummer oes Düsseloorfer An-zeigers (vom 18. Febr. 1888), und eine Notiz vom KölnerLokal-Anzeiger vom 17. Feb. 1888 illustcirc bas noch einwenig mit folgenden Angaven: „In den vrei Kacuevalstageuwuroen hierselvst 49 Spitzbuben, Landstreicher :e. festgeuommen,90 Obdachloseuutergebracht und 1.2 Verunglückte bezw. Verletztedem Hospital zugefüyrt." Nimm zu diesem öffentlichen Skandal,Was unter dem Schutz, der M aske be i m lich ae»Riebt u»flschändlich zu sagen ist! Ist das ein „yarmlösec Jubel", dersolche Früchte zeitigt?

Drotzdem bleiben viele Tausende dabei, es sei ja ein ganzunschuldiges Vergnügen. Ja, man sucht den Karneval nochauf andere Weise zu unterstützen und zu vertheidigeu. Mauspricht von dem reichen Geldverdienst, den viele von diesenTagen haben. Ist bas wahr? 'Nun ja, es fließt ein Golb-strom in die Taschen namentlich der W:rtye — und danebenstillen sich die öffentlichen und privaten Pfandhäuser. Diesauer verdienten Groschen der Armen werden in den wenigenTagen verjubelt, und meist oer Bettelei, des Fluchens über oieNoth der Zeit, des blassen Neides und der Begehrlichkeit mehrzu finden, als in den öden Tagen nach dein Karneval. Manbrüstet sich damit, daß man ja auch das Wohlthun nicht ver-gesse, und hängt dem tollen Treiben das so beliebte Aus-hängeschild der Wohlthätigkeit selbst als eine Maske vor.Als wenn auf den Gaben, die in solchen Tagen für die„armen Leute" fließen, auch nur im entferntesten GottesWohlgefallen ruhen und Segen daraus erwachsen könnte!'Nein wer, mit nüchternem Auge das ganze KarnevalStreibeuansieht, der muß es verurtheileu. Es war gradezu empörenduno jeglichem Zartgefühl Hohn sprechend, wenn 1888 un-mittelbar unter den erschütternden Nachrichten, die der Tele-graph aus San Remo über das Leiden des Deutschen Kron-prinzen gebracht, in einem Blatt das „Lokale" mit den Wortenbegann: „Die diesjährigen öffentlichen Karnevals-Festlich-keiten werden, wie schon hervorgeyoben, ein besonders glän-zendes Gepräge haben!" (vergl. Kölner Lokal-Anzeiger vom11. Februar 1888.) Bei aller Angst für das bedrohte Lebendes Herrschersohnes war damals in den Karnevalskreisen dieeine Sorge vorherrschend, die befürchtete Katastrophe möchteso früh eiiltreten, daß sie durch die mit Sehnsucht erwarteteilOustbarkeiten des Rosenmontagö einen Strich machen könnte!Das redet deutlich genug!

Wenn in den Städten am Niederrhei» die gebildeten, an-ständigen Kreise geglaubt haben, der Karneval würde vonseiner Rohheit viel verlieren, wenn sie die Sache in die Handnähmen und ihm ein künstlerisches G»wand anlegten, die obengeschilderten Früchte haben unstreitig den Gegendmoeis dafürgeliefert, und es ist nicht nur bedauerlich, sondern nubegreif