Druckschrift 
11 : Abth. 2, Nachgelassene Werke ; Bd. 3 (1901) Unveröffentlichtes aus der Zeit des Menschlichen, Allzumenschlichen und der Morgenröthe : (1875/76 - 1880/81.)
Entstehung
Seite
304
Einzelbild herunterladen
 

304

380.

Zuerst hat man in seiner intellectuellen Leidenschaftden guten Glauben: aber wenn die bessere Einsicht sichregt, tritt der Trotz auf, wir wollen nicht nachgeben.Der Stolz sagt, dass wir genug Geist haben, um auchunsere Sache zu führen. Der Hochmuth verachtetdie Einwendungen, wie einen niedrigen, trockenherzigenStandpunkt. Die Lüsternheit zählt sich die Freudenim Gemessen noch auf und bezweifelt sehr, dass diebessere Einsicht so etwas leisten kann. Das Mitleidmit dem Abgott und seinem schweren Loose kommthinzu; es verbietet, seine Unvollkommenheiten so genauanzusehen: dasselbe und noch mehr thut die Dankbar-keit. Am meisten die vertrauliche Nähe, die Treuein der Luft des Gefeierten, die Gemeinsamkeit von Glückund Gefahr. Ach, und sein Vertrauen auf uns, sein Sich-gehenlassen vor uns, es scheucht den Gedanken, dasser Unrecht habe, wie einen Verrath, eine Indiscretionvon uns.

381.

Man muss die Probe machen, wer von den Freundenund denen, welchenunser Wohl am Herzen liegt,Stand hält: behandelt sie einmal grob.

382.

Was sind mir Freunde, welche nicht wissen, wounser Schweres und wo unser Leichtes liegt! Es giebtStunden, in denen wir unsere Freundschaften wiegen.

383.

Wer die Pein erfahren hat, die Wahrheit zu sagen,trotz seiner Freundschaften und Verehrungen, scheutsich gewiss vor neuen.