Druckschrift 
9 : Abth. 2, [Nachgelassene Werke] ; Bd. 1 (1896) Schriften und Entwürfe 1869 bis 1872 : Homer und die classische Philologie; Nachträge und Vorarbeiten zur Geburt der Tragödie; Empedokles; Homer als Wettkämpfer; Über die Zukunft unserer Bildungsanstalten; Bayreuther Horizontbetrachtungen; Das Verhältnis der Schopenhauerischen Philosophie zu einer deutschen Cultur
Entstehung
Seite
366
Einzelbild herunterladen
 

366

nach dem Lande ihrer Verheissungen hinschauen! Siescheuen sich vor den Erfahrungen, denen der wohl-wollende Ausländer sich preisgiebt, wenn er jetzt unterDeutschen lebt und sich verwundern muss, wie wenig dasdeutsche Leben jenen grossen Individuen, Werken undHandlungen entspricht, die er, in seinem Wohlwollen, alsdas eigentlich Deutsche zu verehren gelernt hat.

Wo sich der Deutsche nicht ins Grosse erhebenkann, macht er einen weniger als mittelmässigen Ein-druck. Selbst die berühmte deutsche Wissenschaft, inder eine Anzahl der nützlichsten häuslichen und familien-haften Tugenden: Treue Selbstbeschränkung Fleiss Be-scheidenheit Reinlichkeit, in eine freiere Luft versetztund gleichsam verklärt erscheint, ist doch keineswegsdas Resultat dieser Tugenden; aus der Nähe betrachtetsieht das zu unbeschränktem Erkennen antreibende Motivin Deutschland einem Mangel, einem Defecte, einer Lückeviel ähnlicher als einem Überfluss von Kräften, fast wiedie Folge eines dürftigen formlosen unlebendigen Lebensund selbst wie eine Flucht vor der moralischen Klein-lichkeit und Bosheit, denen der Deutsche, ohne solcheAbleitungen, unterworfen ist, und die auch, trotz derWissenschaft, ja noch in der Wissenschaft des öfterenhervorbrechen.

Auf die Beschränktheit, im Leben Erkennen undBeurtheilen, verstehen sich die Deutschen als wahreATrtuosen des Philisterhaften; will sie Einer über siehinaus ins Erhabne tragen, so machen sie sich schwerwie Blei, und als solche Bleigewichet hängen sie anihren wahrhaft Grossen, um diese aus dem Äther zusich und zu ihrer dürftigen Bedürftigkeit herabzuziehen.Vielleicht mag diese Philister- Gemüthlichkeit nur Ent-artung einer echten deutschen Tugend sein: einer innigen