Zieht man die grossen sogenannten cyklischen Dichtungenzur Vergleichung herbei, so ergiebt sich für den Plan-macher von Ilias und Odyssee das unbestreitbare Ver-dienst, in dieser bewussten Technik des Componirensdas relativ Höchste geleistet zu haben; ein Verdienst, daswir von vornherein geneigt sein möchten, an demselbenanzuerkennen, der uns als der Erste im Reiche des in-stinctiven Schaffens gilt. Vielleicht wird man sogar eineweittragende Andeutung in dieser Verknüpfung will-kommen heissen. Alle jene als so erheblich geltenden,im ganzen aber höchst subjectiv abgeschätzten Schwächenund Schäden, die man gewohnt ist, als die versteinertenÜberreste der Traditionsperiode anzusehen — sind sienicht vielleicht nur die fast noth wendigen Übel, denender geniale Dichter bei dem so grossartig intentionirten,fast vorbildlosen und unberechenbar schwierigen Compo-niren des Ganzen anheim fallen musste?
Man merkt wohl, dass die Einsicht in die durchausverschiedenartigen Werkstätten des Instinctiven und desBewussten auch die Fragestellung des homerischen Pro-blems verrückt: und wie ich meine, dem Lichte zu.
Wir glauben an den einen grossen Dichter von Iliasund Odyssee — doch nicht an Homer als diesenDichter.
Die Entscheidung hierüber ist bereits gegeben. JenesZeitalter, das die zahllosen Homerfabeln erfand, das denMythus vom homerisch-hesiodischen Wettkampf dichtete,das die sämmtlichen Gedichte des Cyklus als homerischebetrachtete, fühlte nicht eine ästhetische sondern einestoffliche Singularität heraus, wenn es den Namen „Ho-mer“ aussprach. Homer gehört für dies Zeitalter in dieReihe von Künstlernamen wie Orpheus, Eumolpus, Dä-dalus, Olympus, in die Reihe der mythischen Entdecker