Druckschrift 
4 (1851)
Entstehung
Seite
555
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So wenig man übrigens mit dem Komponisten zu rechten hat,der sich dieses Instruments (und ähnlicher Organe, z. B. der Har-monika, wie Radzivil in seinemFaust) zu ganz besondern>Zweckenbedient, wie eben der oben, genannte Künstler,, um einen durch-aus fremden Zauberklang darzustellen : so wollen wir uns doch vorUeberschätznng solcher Mittel hüten. Ausserordentliche Verhält-nisse können ausserordentliche Mittel fodern , z. B. Zauber-klänge ein von den stets gebrauchten und gehörten Orehesterin-strumenlen möglichst verschiedenes Instrument. Allein nicht in diesenAusserordentlichkeiten wird die Tiefe der Kunst offenbar, sondernin der Region, die zu gleicher Zeit die offenbarste und verborgenste;,der Sitz des Alltäglichsten und Unerhörtesten ist, im Menschen-geist, seinem Empfinden und Schauen, Leiden und Wirken. DasSchaffen des Geistes ist in seiner Form ewig dasselbe, stets einfachund natürlich; nur in der Macht, seines Vordringens ist es gewaltig,dringt cs vom Nahestehenden zum Ausserordentlichen. Zur künst-lerischen Darstellung dieses ewig sich neugebähreuden innern Lebensbedarf es nicht neuer materieller Mittel , sondern der tiefen An-schauung und Verwendung der vorhandnen. Ja es kann leicht einfremdes Mittel die ungewünschte Folge haben, aufzufallen, Verwun-derung und Neugierde zu erregen, statt uns, entrückt dem bishergewohnten, hinüber zu zücken in ein neues, zauberisches oder seli-ges Leben, oder welchen Vorstellungen der Künstler nacbge-gangen sein mag. Dies scheint uns wohl der Erwägung werlh,ehe man sich zu einem ausserordentlichen Mittel entschliesst. Esscheint auch nicht blos das künstlerische Selbstgefühl, sondern ebenso den, vielleicht das Wahre ahnenden Geist des nicht kunstver-ständigen Hörers mehr zu befriedigen, w'enn der schaffende Geistdurch eigne Kraft die gewohnten Mittel neu beseelt, die allbekann-ten Klänge zu neuen Wirkungen verschmilzt und verwendet, alswenn er von neuem Material gleichsam Aushülfe fodert.

Merkenswerlh ist, dass keine Zeit reicher an solchen unerhör-ten Mitteln und verliebter in sie war, als die schwache zwischender ausgelebten Bach-Händelschen Periode und der sich vorberei-tenden Haydn-Mozartschen. Da suchte man die Entzückungen derLaute, der Liebesgeige, da wurde die Harmonika erfunden und sollteden Ausdruck des Ueberirdischen gewähren. Allein nicht hier, son-dern im Kreise der altgewohnten Mittel (die Klarinette war nichtneu, sondern nur die altbekannte verbesserte Schallmei, die wieder-gefundne Posaune ist nur eine grosse und bereicherte Trompete)sollte dem Kunstgeist neue und tiefere Beseelung werden.

Diese Ansicht findet, wie sich von selbst versteht, ihren Ge-genstand nicht etwa ausschliesslich in der Liebesgeige; sie gilt ebenso wohl der Harmonika oder jedem sonstigen Organ, das durch