446
durch Umkehrung in hohem oder tiefem Oktaven wiederholt wer-den, sondern stets auf derselben Stelle bleiben; daher enthalten diedrei Mitteltakte stets dasselbe ohne Abwechslung. So gering in-dess auch dieser erste Versuch ausgefallen sein mag, so genügt erdoch wenigstens dazu, uns die Aussicht auf eine neue Formenreihezu öffnen, und das Wesen derselben einstweilen anschaulich zumachen.
Es besteht darin, dass eine Stimme einen Satz vorträgt, einezweite ihn Schritt für Schritt nachsingt, während die ersteeinen Gegensatz dazu übernimmt, dann beide Umkehrungen ihrerSätze unternehmen, und so lange fortfahren, bis erst die erste,dann auch die andre Stimme beide Sätze ganz zu Ende gesungenhaben.
EiD solches Tonstück heisst Kanon. Im Kanon herrscht, wieman sieht, eine noch grössere Einheit und Einmüthig-keil, wie in der Fuge, denn in ihm wird nicht blos ein Thema,sondern der ganze Inhalt der ersten Stimme von der zweiten nach-gesungen. Aber eben desswegen waltet mindere Freiheit imKanon, als in der Fuge; denn jeden Ton, der der ersten Stimmegegeben wird, muss die zweite nachsingen. Die Kraft und derHeiz des Kanons besteht darin, dass man zwei lebendige Stimmenvor sich hat, die zwar einraüthig dasselbe aussprechen, aber inverschiednen Momenten und Verhältnissen. Die zweite Stimme wie-derholt, was die erste vorgesungen hat; aber während dem trägtdie erste schon einen zweiten, neuen Salz vor, und der erste Satzsteht nicht mehr allein, sondern ist (wenn, wie zuvor in No. 642die Oberstimme angefangen hat) Oberstimme geworden. Dann kommtdie Umkehrung; wir hören zwar dieselben Sätze, aber den unternals obern; endlich hören wir auch den zweiten allein. So habenwir stets das Bekannte vor uns, aber stets (mit Ausnahme desvierten Moments im obigen Schema) in neuer Weise.
Wir haben uns zweistimmiger Sätze als Beispiele für die Er-läuterung des Begriffs vom Kanon bedient. Allein man wird gleichgewahr, dass in derselben Weise auch drei-, vier- und mehrstim-mig muss geschrieben werden können. Nur sind wir hierzu nochnicht ausgerüstet, so lange wir nicht mehr als zwei umkehrungsfä-hige Stimmen setzen können. Wir beschränken uns also zunächstauf den zweistimmigen Kanon, obwohl Vieles, was von ihm zusagen ist, auch auf die mehrstimmigen Sätze Anwendung findet.