Einleitung.
In allen polyphonen Formen machte sich neben dem festge-setzten Hauptgedanken, dem Thema, ein entgegengesetzter zwei-ter Gedanke, der Gegensatz, geltend. Vorgespiegelt wurde erschon in den Choralfiguralionen, es war da auf der einen Seiteder Cantus firmus, auf der andern die Figuration, die in dieses ge-gensätzliche Verhältniss traten, und bekanntlich konnte diese Figu-ration ebensowohl in mehrern Stimmen, als in einer einzigen (No.254) enthalten sein. In den auf freie Nachahmung gegründetenFormen waren wir zuerst (S. 199) veranlasst, die Bildung einesGegensatzes in einer einzigen Stimme geflissentlicher zu erwägenund ihn den Gesetzen der Melodieführung überhaupt und der Rück-sicht auf den Hauptsatz zu unterwerfen.
Noch reiflicher musste er in der Fugenform (S. 234) bedachtwerden. Hier bezeichneten wir im Allgemeinen die ganze Figural-arbeit, welche die Stimmen insgesammt dem Thema in einer einzigenStimme gegenüber stellen, als Gegensatz oder Gegenharmo-nie, so dass derselbe aus zwei oder mehr gleichzeitig verbundnenSätzen der vereinten Stimmen bestand. Zunächst aber gaben wirden Namen Gegensatz derjenigen melodischen Ausführung oder Fort-führung, die sich in der zuerst aufgelretnen Stimme nach Vollen-dung des Führers dem in der nachfolgenden Stimme auftretendenGefährten entgegenstellte. Dieser Gegensatz (im engern Sinne sogenannt) foderte uns besondre Aufmerksamkeit (S. 284) ab undwurde uns schon so wichtig, dass wir (S. 291) ihn wenigstens dieerste Durchführung hindurch beizubehalten wünschten.
Es ist uns also schon geläufig, dem Thema gegenüber einenoder mehr Sätze
als andre oder nächste Hauptsätzenach dem Thema selbst zu betrachten.
Gelingt es uns nun, solche Sätze festzuhalten, so verdoppeltoder vervielfältigt sich damit unser Reichthum, indem zugleich dieinnre Einheit unsrer Komposition sich verstärkt. Das Letztere istsogleich klar; unser Werk muss sich einheitsvoller gestalten, wennwir uns auf zwei oder wenige Sätze beschränken, als wenn wirzu immer neuen fortgehen. Das Erstere werden wir sogleich näherbetrachten.