356 Dr. Max Runze. s.22
dar, und ist es bewunderungswürdig, wie z. B. der Meister nachso vielen vorausgehenden Werken dieser Art wieder ganz neue Sai-ten in dem „Hohen Liede" erklingen läßt, in welchem die ganze Gluthecht orientalischen Farbenreichthums sich wiederspiegelt.
Mit der Kraft, objektiv zu gestalten, dürfte es auch Zusammen-hängen, daß seine Musik eigentlich ausnahmslos nichts Senti-mentales an sich hat. Viel eher ließe sich ihm zuweilen der Vor-wurf der Kargheit, einer mit zu großer Trockenheit geformtenPlastik machen; aber selbst solche Trockenheit dient dann nur demPrincip der Objektivität. Daher muß es nun zumal von seiner Ge-sangsmusik gelten, daß sie durchaus gesund ist, — nichts Krän-kelndes findet sich in ihr, keine Weltschmerzelei; — die in Gemüths-überreiztheit sich gefallende Melancholie und Sensibilität sagte Loewe'sGemüth nicht zu; auch nicht die Art der ganzen Heine'schen Lyrik;
— wo er aber Lieder von Heine komponirt hat, die trefflich sind(„Im Traum sah ich die Geliebte", „Sie liebten sich beide", „IchHab' im Traume geweinet"), da ist die Musik zum Verwundern ein-fach und natürlich, doch der Heine'schen Dichtung gewiß das rechte,
— und der Effekt mangelt dort nicht.
Endlich ist Loewe recht und schlecht ein deutscher Sängergewesen, und sogar ein patriotischer Sänger, und steht er in ersterReihe unter denen da, die das echte Deutschihnm mit ihrerKunst repräsentiren. Darum gehören seine Werke auch der deut-schen Kunst an; — eben darum aber soll auch sein Name derGeschichte der Kunst unauslöschlich verbleiben, und der Kunst nichtallein, sondern der deutschen Geschichte überhaupt, dem deutschenVolk; denn nicht ein großer Künstler nur, — auch einer der edel-sten Bürger unseres Volkes ist er gewesen; also darum: Ehredem Andenken unseres Loewe!