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Carl Loewe, eine ästhetische Beurtheilung
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Or. Max Runze.

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Die Geschichte lehrt, welche Bedeutung einzelnen Persönlichkeitenzukommt. Auch die Kunst hat ihre Geschichte, auch in ihr findeteine Entwickelung voll innerer Konsequenz Statt, so daß dadurchimmer vollkommenere Leistungen ermöglicht werden und bedeutsameErscheinungen hervortreten. Aber die richtende Geschichte hat ebenein Organ, die Wissenschaft; und auch die Kunstgeschichte, auch inihren neuesten Resultaten, ist diesem Organ unterworfen; dennnicht für die Theologie und Philosophie allein behauptet diehistorische Kritik ihr höchstes Recht. Mag es richtig sein, daßdie Weltgeschichte das Weltgericht ist, so ist doch das Ende der Ge-schichte noch nicht für jede künstlerische Erscheinung gekommen, undephemere Beurtheilungsart ist nicht identisch mit dem Spruch derGeschichte.

Eine ganz eigen geartete Erscheinung auf dem Gebiet der neuerenKunst nun ist Loewe und seine Musik. Über ihn hat die Geschichte,wie es scheint, auch schon gesprochen. Der musikalische Fachmann,das musikalische Blatt, und ihnen voran jedes musikgeschichtliche Buchspricht sein Urtheil über ihn, falls es nicht, wie häufig geschieht,vorgezogen wird, bei seiner angeblich geringen Bedeutung ihn mitStillschweigen zu übergehen. Aber Freiheit ist das Gebiet derKunst, und hier ist der Punkt, wo die freie, unbefangene For-schung und das Wissen mit der Kunst Hand in Hand zu gehenvermag. Der genaue Kenner Loewe's, dem die Tiefe und Schön-heit seiner Kunst das Herze löst und den Geist lichtet, mag nichtdulden jene tyrannische Bevormundung im Urtheil, zumal wenn erauf jener Seite fast nur Unkenntnis in den Aussagen und Unrich-tigkeiten in den Angaben findet. Zweierlei ist denn mit Bezugauf die heute im Allgemeinen maßgebend gewordene BeurtheilungLoewe's zu beachten, erstens, daß die historische Kritik der größtenneueren Komponisten und ihrer Werke ergiebt, wie wesentlich geradeLoewe auf sie eingewirkt hat, und sodann, daß nur von den aller-wenigsten, die über Loewe ihr Wort reden und schreiben, Loewewirklich genau gekannt wird.

Als unzulässig erscheint es uns daher z. B., und als demwahren Fortschritt der Kunstentwickelung widersprechend, wenn (wiedas fast ausnahmslos bisher geschah) Loewe nur bemessen wirdnach dem Maßstab etwa eines Schubert, eines Mendelssohn, einesSchumann, und so seine Werke dann im Ganzen verworfen wurden.