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Nachwort.
Die Tiefsinnigkeit des alten Systems liess sich nicht verken-nen , und in mehr als einem Punkte mussten wir ihm feinere Un-terscheidungen, treffendere Karakterislik zugestehn, als unsermheutigen System. Es wäre aber ein Missverständniss und eineunkünstlerische Verirrung, wollten wir streben, in unserm Schaffenunter die Leitung des allen Systems zurückzukehren.
Alle Formen des Ausdrucks, die das alle System darbietet,besitzen wir auch. Aber uns stehen sie zu freier Auswahl zuGebote, während sie den Alten als gesetzliche Normen gegebenwaren. In einer Zeit, wo der Geist der Kunst erst anfing sichzu köherm Bewusstsein und höherer Macht zu erheben, bedurfte eseiner unmittelbaren Leitung, sonst wäre des Irrens kein Endegewesen *) und man wäre lieber wieder zu der bewusstlosen undinhaltlosen Tonmechanik der ersten kontrapunktischen Zeit zurück-gekehrt. Auch verlangte der übergewaltige Liedesdrang der Re-formationszeit, dass eine Menge von Arbeitern an der Liederver-fertigung Theil nähme. Unmöglich konnten Alle mit tiefer, ge-nügender Künsllerkraft ausgerüstet sein ; es bedurfte daher fürsie fester ' Typen, nach denen, unter deren Vorzeichnung sieformen könnten , wenigstens in den Grundziigen des Gelingens sicher.Diesen Zweck haben die Kirchentöne gehabt und erfüllt.
Für den Standpunkt der jetzigen Kunstbildung ist diese Lei-tung nicht noting, ja, ihr Zwang wäre dem wahren Künstler un-erträglich; er bedarf der Freiheit, allerdings auf die Gefahr,sich weiter zu verirren, als der alte Künstler unter der Leitungseines Systems konnte. Und in dem Maasse, in welchem dieseFreiheit errungen, die Kunst in den letzten Jahrhunderten einefreie geworden ist: mussten. auch die Anleitungen, welche dasalte System für gewisse Zwecke gab, unzulänglich werden. Wirhaben vielseitigere Aufgaben zu lösen, als dass sie unter den tief-sinnigen, aber doch beschränkten Begriff des alten Systems zufassen wären. Und zu diesen Aufgaben haben sich unsre Mittel(namentlich durch Ausbildung der Melodie und Harmonie, durchunsre weit und zugleich fein ausgebildelen Formen) so vervielfäl-tigt, dass wir unmöglich vom ältern System Anleitung für unserSchaffen noch erwarten können, dessen Inhalt ihm ja grösstentheilsfremd ist.
*) Wie der Gesckichtkundige an den ersten Cbromatikcrn sieht.