- 318 -
gieichwobl abweichende Behandlung fodern, wenn sie ihrem Ka-rakter gemäss wirken sollen.
Es ist klar, dass unter solchen Umständen viele Choräle mitunsern bisherigen Kenntnissen nicht, befriedigend gefasst werdenkönnen. Sie fodern noch einen Unterricht über das Wesen deralten Tonarten, in denen sie abgefasst sind ; dieser Unterricht istder Inhalt der zweiten Abtheilung dieses Buches.
Ist es aber ferner klar, dass wir, bevor wir uns über dieKirchentonarten verständigt haben, oft nicht im Stande sind, zubestimmen, oh ein gegebner Choral einer unsrer Tonarten wirklichangehört, oder nur den Anschein davon hat, eigentlich aber ineinem der Kircbentöne geschrieben ist. Daher erfolgen einstwei-len, als Uebungstoff, in der Beilage XIX einige nach unsernTonarten zu behandelnde Melodien.
Haben wir nun eine solche Aufgabe übernommen, und dieTonart des Ganzen, den Haupllon festgestellt, so ist zunächst dieallgemeine Einrichtung der Modulation zu bedenken. Wir hallenuns dabei zunächst an die rhythmische Abtheilung der Choräle.
Viele Choräle sind förmlich in zwei Theile getheilt; so z. B.in der Beilage No. XXI die ersten vier. Bei andern ist dieseEintheilung nicht ausdrücklich angezeigt, wir erkennen oder fühlensie aber aus der Anordnung des Ganzen heraus. So bei dem drittenChoral der Beilage No. XXI, dessen zweite Hälfte die beiden erstenStrophen des Anfangs wiederholt, so dass schon dadurch ein noch-maliger Anfang, also Theilung des Chorals in zweimal drei Stro-phen bezeichnet wird.
Hat ein Choral die zweitheilige Form, so schliessen wir denersten Theil, wenn es die Melodie zulässt (dies ist bei den in No. XIXgegebnen Chorälen 2, 6 und 10 nicht der Fall), in Durmelodien inder Dominante, in Mollmelodien in der Parallele.
Ferner bildet, wie schon gesagt, jede einzelne Strophe desChorals einen Abschluss, der durch Pause oder Zwischenspiel, oderwenigstens durch längeres, willkührliches Anhalten von dem wei-tern Fortgänge getrennt ist. Daher haben wir jede Strophe alsbesondern Theil des Ganzen zu behandeln und in der Regel miteinem Ganzschluss oder Halbschluss abzuschliessen ; wir benutzenalso jeden S irophensch luss als Ziel- und Ruhepunkt derModulation, auf dem dieselbe regelmässig, mit mehr oder wenigerBefriedigung abbricbt*).
. *) Nur ausnahmsweise kann der scliliessende Akkord ein Sextakkord seinoder der Schluss sich in eineu Trugschluss verwandeln, mithin sogar als letztenAkkord einen Septimenakkord oder eiue Umkehrung desselben (s. das Beispielvon Seb. Bach im Anhang T. No. 1/480) haben. Dass diese Schlussw r eisen nur