Druckschrift 
10 : Abth. 2, [Nachgelassene Werke] ; Bd. 2 (1896) Schriften und Entwürfe 1872 bis 1876 : Die Philosophie im tragischen Zeitalter der Griechen; Über Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne; Der Philosoph; Die Philosophie in Bedrängniss; Nachträge und Vorarbeiten zu den Unzeitgemässen Betrachtungen; Prometheus; Einzelne Gedanken und Entwürfe
Entstehung
Seite
65
Einzelbild herunterladen
 

65

iinvergänglichen Sein auf diese vorhandene Welt zu über-tragen, ohne zur Theorie des Scheins und der Täuschungdurch die Sinne seine Zuflucht zu nehmen. Wenn dieempirische Welt aber nicht Schein sein soll, wenn dieDinge nicht aus dem Nichts und ebensowenig aus demeinen Etwas abzuleiten sind, so müssen diese Dingeselbst ein wahrhaftes Sein enthalten, ihr Stoff und Inhaltmuss unbedingt real sein, und alle Veränderung kannsich nur auf die Form, das heisst auf die StellungOrdnung Gruppirung Mischung Entmischung dieserewigen zugleich existirenden Wesenheiten beziehn. Esist dann wie beim Würfelspiel: immer sind es dieselbenWürfel, aber bald so, bald so fallend bedeuten sie füruns etwas anderes. Alle älteren Theorien waren aufein Urelement, als Schooss und Ursache des Werdens,zurückgegangen, sei dies nun Wasser, Luft, Feuer oderdas Unbestimmte des Anaximander. Dagegen behauptetnun Anaxagoras, dass aus dem Gleichen nie das Un-gleiche hervorgehen könne, und dass aus dem einenSeienden die Veränderung nie zu erklären sei. Ob mansich jenen einen angenommenen Stoff nun verdünnt oderverdichtet denke, niemals erreiche man, durch eine solcheVerdichtung oder Verdünnung, das, was man zu erklärenwünsche: die Vielheit der Qualitäten. Wenn aber dieWelt thatsächlich voll der verschiedensten Qualitäten ist,so müssen diese, falls sie nicht Schein sind, ein Seinhaben, das heisst ewig ungeworden unvergänglich undimmer zugleich existirend sein. Schein aber können sienicht sein, da die Frage nach dem Woher? des Scheinsunbeantwortet bleibt, ja sich selbst mit Nein! beantwortet.Die älteren Forscher hatten das Problem des Werdensdadurch vereinfachen wollen, dass sie nur eine Substanzaufstellten, die die Möglichkeiten alles Werdens im

Nietzsche, Werke (II. Abtheilung) Band X. 5