218 Die vierte SessionKder VII. Legislatur-Periode des Reichstags
Sonnabend zu weit gegangen st. Ich habe es nachher bedauert; aber ich binsolche Insulten nicht gewohnt, man wird erregt und geht dann zu weit."
Als der Abgeordnete Zeitz einwandte, diese Auffassung sei doch nicht allgemein,er, Fürst Bismarck, habe für viele ein erlösendes Wort gesprochen, fuhr dieserfort: „Ja, was soll man machen, wenn einem jemand so zu sagen vor ver-sammeltem Kriegsvolke Pfui zürnst. Es ist das doch gerade, als ob mich jemandanspuckt. Es ist mir das früher schon einmal in meinem parlamentarischen Lebenvvrgekommenst. Damals war es ein Herr vom Centrum, der mir das Wortzurief. Es war noch die Zeit, wo ich immer einen Revolver in der Tasche trug.Als der Zwischenruf erscholl, dachte ich zunächst: „Gehst Du hin und schießt
ihn nieder. Nach einer halben Minute Überlegung aber habe ich mir gesagt:Nein! Das ist denn doch nicht Dein Metier!"
Als man dem Fürsten ein frisches Glas reichen wollte, dankte dieserund versprach, später nachzukommen; dann trat vr. Schweninger hinzu, faßteden Fürsten am Arme und forderte ihn aus, sich zu setzen. Er folgte der Auf-forderung, ließ sich seine lange Pfeife reichen und nahm an einem Tische mitdem Kriegsminister, dem Abgeordneten von Wedell-Piesdorff lind einigen andernHerren noch für einige Zeit Platz."
Zu dem Frühstück war auch der Amtsgerichtsrat Fritz Kern aus Hameln,ein alter Corpsbruder des Fürsten von der Hannovera in Göttingen, geladen.Kern war am 18. Mai 1889 zum erstenmal in seinem Leben nach der Reichs-hauptstadt gekommen, zum Besuch seiner dort verheirateten Tochter. Am folgen-den Tage morgens klingelte eine Bote der Reichskanzlei in dem Hause inSteglitz, wo Kern wohnte, lind überbrachte eine Einladung des Fürsten. —„Aber, wie ist es möglich? Es muß ja ein Irrtum sein, wenn nicht etwa einScherz." — „Ja, wir in der Reichskanzlei wissen alles!" — Ein Freund inHameln hatte dem Geheimrat Dr. voll Rottenburg geschrieben, daß dem FürstenGelegenheit gegeben sei, einem trefflichen Corpsbruder aus der goldenen Jugend-zeit eine freundliche Überraschung zu bereiten. Mit den Worten: „Auf Wieder-sehen!" schüttelte der Reichskanzler nach dem Frühschoppen zum Abschiede demalten Genossen die Hand. „Ja, aber siebennndfünzig Jahre darf es nicht wiederdauern, Durchlaucht," erwiderte Kern.
>) Anspielung auf die Reichstagssitzung vam 18. Mai 1889, vergl. oben S. 204.
2) In der Reichstagsrede vom 13. Marz 1884. Nergl.Kvhl, Bismarck-Reden, Bd. X., S. 15.