Kaisergeschichte. 141.
seiner Brüder *) hatten die Theilnahme des Volks in einemhohen Grade erregt. Jedermann war daher geneigt, dasUnglück einer so erlanchten Familie durch die Aussichten desJünglings zu lindern, der noch überdieß als im Lager gebo-ren (daher auch sein Beiname von den Soldatenstiefeln)die Zuneigung und Liebe der Legionen besaß. Zudem hegtendie Einsichtsvolleren den Glauben, er werde in die Fußstapfcnseiner Anverwandten treten, ein Glaube, den der Erfolgkeineswegs rechtfertigte. Scheint es doch, um mich so aus-zudrücken, ein Gesetz der Natur zu seyn, daß sie nicht seltenund dieß gleichsam absichtlich trefflichen Vätern unwürdigeSohne, gelehrten ungebildete zu Theil werden und andereähnliche oder die entgegengesetzten Fälle eintreten läßt, eineErfahrung, die den» nicht wenige weise Männer Kinderlo-sigkeit für das größere Glück halten hieß! Indessen in Be-treff Caligulas findet obiges Urtheil in sofern seine Rechtfer-tigung, als er lange Zelt die Greuel seiner Seele durch einbescheidenes Betragen und unter der Maske der Folgsamkeitso gut zu verstecken wußte, daß jene bekannten Worte überihn, es habe weder einen bessern Diener, noch einen grau-samer» Herrn gegeben, ihren guten Grund haben. Auch alser zu dem Besitze der höchsten Gewalt gelangt war, bewies
*) Agrippina, die Tochter Agrippas und Gattin des Germani- >cns, starb, nachdem sie die gröbsten Mißhandlungen vonTiberius erlitten, freiwillig den Hungertod. Die BrüderCaligulas, Nero und Drusus, ließ Tiberius von dem Senatefür Feinde erklären und gab sie dem Hungertod« preis.
") Calizu eine Art Halbstiefeln, besonders der gemeinenSoldaten.