271
Unterlage unsrer Seelenzustände und Seelenbewegungen über-haupt absieht.
Nun zweifle ich freilich, dass sich überhaupt auf rein psychi-schem Gebiete ein letzter verknüpfender Gesichtspunct für dieEntstehung aller Lust und Unlust wird finden lassen, der eineklare und zureichende Ableitung aller ästhetischen Gesetze darausgestatte. Aber ist nicht vielleicht im Herbartschem System diesemBedürfnisse entsprochen? Hat es doch in der Psychologie eineneue Bahn eingeschlagen, und liegt nicht auch das, was wir indieser Beziehung suchen möchten, auf dieser Bahn? jj
Meinerseits vermöchte ich es aus folgenden zwei Gesichts-puncten nicht da zu finden.
Herbart macht die Entstehung der Lust und Unlust von ge-genseitigen Föderungs- und Hemmungsverhältnissen der Vorstel-lungen abhängig*), aber er hat nicht klar zu machen vermocht,wie die Entstehung der sinnlichen Lust und Unlust unter diesenGesichtspunct tritt. Denn wenn Herbart (Ges. W., V. S. 30) sagt:»Die angenehmen Gefühle im engsten Sinne nebst ihren Gegen-theilen [worunter er die rein sinnlichen versteht] müssen betrachtetwerden als entspringend aus Vorstellungen, die sich aber nichteinzeln angeben lassen, ja die vielleicht aus physiologischen Grün-den gar nicht gesondert können wahrgenommen werden«, so liegthierin einerseits von selbst das Zugeständniss, dass die Anwend-barkeit der Hemmungslehre hier auf einen dunklen Punct stosse,andrerseits werden physiologische Bedingungen, von denen manabstrahirt sehen möchte, doch zu Hülfe genommen.
Abgesehen aber hievon vermöchte ich mich den fundamental-sten Voraussetzungen und Unterlagen der Herbartschen Hem-mungslehre überhaupt nicht zu fügen, indem ich sie mit einer un-befangenen Auffassung und scharfen Analyse der Thatsachen nichtverträglich finden kann.
Zu solchen Puncten rechne ich:
1) Dass eine Mehrheit im Bewusstsein unterschiedener Vorstellungennicht zugleich bestehen kann, also auch von dem, was in räumlicher Aus-dehnung zugleich besteht, nur eine Aufeinanderfolge punctueller Vorstel-lungen möglich ist. — 2) Dass Vorstellungen aus verschiedenen Sinnesgebietensog. disparate Vorstellungen, einander abgesehen von ihren Complexionennicht zu verdrängen, im Bewusstsein zu beschränken im Stande sind, also
*) Lehrb. d. Psychol. § 34 ff. und § 95 ff. (ges. \V., V. S. 30 ff. u. S. 70 ff.)