Druckschrift 
2 (1898)
Entstehung
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mit dem spätem, indess ein lange fortgesetzter, wenn auch schwa-cher, Genuss eine Abstumpfung oder Uebersättigung, hiemit einenErfolg begründet, wodurch der nachherigen Verstärkung Abbruchgeschieht.

In Rücksicht des Vorstehenden giebt man bei einem Gastmaledie feinem edlern wohlschmeckenderen Weine nicht zuerst, son-dern zuletzt; und zwar erst, nachdem die geringeren Weine eineWeile ihre Wirkung gethan haben, indess es nicht räthlich seinwürde, jene bis zur Abstumpfung der Genussfähigkeit für diesezu verschieben; denn danach leisten die schlechten Weine fastso viel als die bessten; und hieraufscheintdiebekannteAeusserungdes Kellermeisters auf der Hochzeit zu Cana gezielt zu haben.Dass doch ein Glas starken edlen Weines als Madera, Portwein,mancher Orten (so in den deutschen Ostseeprovinzen Russlands)sogar Liqueure den Eingang der Tafel machen, hat theils nur denNebenzweck, den Appetit zu reizen, daher auch keine Wieder-holung stattfindet; theils weicht der Geschmack und Reiz davonso weit von dem der übrigen bei der Tafel gebotenen Weine ab,um in die Gontrastfolge derselben nicht wesentlich störend ein-zugreifen.

GrafAlgarotti hatte in Venedig für den Kurfürsten vonSachseneine Anzahl Gemälde, welche noch jetzt die Dresdener Galleriezieren, darunter als Hauptstück die Holbeinsche Madonna, angekauft,und berichtet in seinen Rriefen über diesen Ankauf*), »wie dieKünstler Venedigs zu ihm wallfahrten, um diess herrliche Werkzu sehen, und dass er ihnen seine Carlo Marattis und Rassanosklüglich vorher gezeigt habe, um sie dann, wie man den Tokayer-wein zuletzt giebt, mit dem süssesten Geschmack im Munde, mitdem Anblick der Maria Holbeins zu entlassen.« Algarotti brachtealso hier bezüglich eines Kunstgenusses dasselbe Princip in An-wendung, was allgemein bei Tafelgenüssen angewandt wird, undmacht selbst die Analogie beider Fälle geltend.

Es kann jemand dem Andern zu Weihnachten oder zum Ge-burtstage einmal ein kleineres, ein anderesmal ein grösseres Ge-schenk machen; aber welcher Unterschied im Resultate, ob dasgrössere oder kleinere vorangeht oder folgt. Folgt das grössere, sowird der Empfänger von dem Zuwachse freudig überrascht sein,

*) Hübners Einleitung z. Verz. der Dresdner Gern. Gail.