182
von bedeutendem Inhalt gönnen wir einen Baum und dürfen den-selben einen solchen gönnen, den wir Bildern von unbedeutendemInhalt nicht eben so gönnen, noch gönnen sollen. Jedes Kunst-werk hat sich um seinen Baum mit andern Kunstwerken und an-dern Gegenständen überhaupt zu streiten oder vielmehr zu ver-tragen. Nimmt es bei geringer Bedeutung seines Inhaltes einengrossen Baum in Anspruch, so beschleicht uns sofort das Gefühlder Unangemessenheit dieses Anspruches; wir finden die Bedeu-tung des Inhaltes durch seinen Umfang übertrieben. Ein Viehstück,eine Schenkenscene soll keine ganze Wand einehmen, weil dieBeschäftigung mit dem, was es vorstellt, keine grosse Bedeutungin unserm Leben einnimmt. Bilder von bedeutendem Inhalt, reli-giöse oder historische in grossem Stil, sind eigentlich auch nurfür Tempel, Hallen, öffentliche Gebäude, kurz grosse Bäume be-stimmt, Bilder von unbedeutendem Inhalt, worin Scenen einesbeschränkten Lebens und von beschränktem Interesse dargestelltsind, für Privatwohnungen; da haben sie den Baum an den Wän-den, theils mit andern Bildern von gleich beschränktem, nur anders gerichteten, Interesse, theils mit häuslichen Gegenständenverschiedener Art zu theilen. Es gehört aber zur Schicklichkeiteines Bildes, wie eines Menschen, keine grösseren äusseren An-sprüche zu machen, als ihm nach seinem Verhältnisse zu Anderngebührt, und man darf von einem Bilde viel eigentlicher als voneinem Menschen sagen: es soll sich nicht zu breit machen. Dassmit der Grösse eines Kunstwerkes auch die Grösse der zu seinerHerstellung zu verwendenden Mittel wächst, trägt bei, dieseBück-sicht, die ich kurz die Schicklichkeitsrücksicht nennen will, zuverstärken.
Indem wir nun überhaupt gewohnt sind, nur auf Darstellungbedeutender Gegenstände grossen Baum und grosse Mittel, die mitdem Baume in Verhältniss wachsen, verwandt zu sehen, kommtuns auch das Gefühl, es handle sich um einen solchen, unwill-kührlich bei einem kolossalen Kunstgegenstande und kann durchseine Einstimmung oder seinen Widerspruch mit der wirklichenBedeutung des Inhaltes unser Gefallen steigern oder Missfallenerwecken.
Sehen wir näher zu, so haben freilich nicht alle Bilder vonbedeutendem Inhalt wirklich die denselben angemessen scheinendeGrösse. So lange wir nun ein solches Bild direct betrachten, sind