Druckschrift 
2 (1898)
Entstehung
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155
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XXXI. Phantasie-Ansicht der Schönheit und Kunst.

Eine der verbreitesten Kunstansichten erhebt die Abhängig-keit der Schönheit und Kunst von der Phantasie zum ästhetischenHauptgesichtspuncte. In Besprechung dieser Ansicht knüpfe ichan einen Vortrag an, den ich früherhin einmal im Leipziger Kunst-verein hörte, gehalten von einem Kunstkenner, dessen Bedeutungim Kunstfache seitdem darin ihre Anerkennung gefunden hat, dassseiner Direction eines der bedeutendsten Kunstinstitute untergebenworden ist.

Der, in der Form sehr anziehend gehaltene, und gewissvon Allen, die sich überhaupt derselben Richtung zuneigen, sehrbefriedigend gefundene, Vortrag gilt direct einer CharakteristikGenellis, dem der Redner eine unbedingte, ja enthusiastischeBewunderung zollte. Dieser Künstler sei ein Genie, das, seine Zeitüberragend, das wahrste Wesen der Kunst erfasst habe und inseinen Werken auspräge. Denn worin bestehe das Wesen, dieAufgabe der Kunst? Sie habe einem ästhetischen Interesse zu die-nen, welches von allen anderen Interessen unabhängig sei. Esgebe ein Reich der Schönheit, was ohne Rücksicht auf einen sitt-lichen oder andern Gehalt, dem wir sonst Werth beilegen, das In-teresse in Anspruch nehme, und Aufgabe der Kunst sei, diess In-teresse zu befriedigen. Diese Befriedigung aber werde erzeugt wiegewonnen durch ein Spiel der Phantasie, was im Künstler mitmöglichster Machtfülle zu wirkeu und sich im Genüsse des Kunst-werkes wieder zu vollziehen habe. Um was gespielt werde, dar-auf komme es nicht an. Hienach seien die geeignetsten Gegen-stände für die Kunstdarstellung solche, welche die freieste, leben-digste, kräftigste Entwicklung dieses Spieles gestatten; im Uebrigenmüsse das Gefallen an der Schönheit interesselos sein.Diess, wennnicht ganz die Worte, doch der Sinn des Vortrages, so weit meineNotate darüber reichen. Kurz, Schönheit und Kunst werden wesent-lich von einer activen und receptiven Bethätigung der Phantasieabhängig gemacht.

Wer nun vermöchte die Abhängigkeit der Kunst und in ge-wissem Sinne der Schönheit von der Phantasie überhaupt zu be-streiten. Denn wie könnte ein Künstler ohne ein schöpferischgeistiges Vermögen, was die Phantasie ist, schaffen und gestalten,