153
wäre die Kunst zugleich auf ihrem Gipfel und an ihrem Ende; siewird aber diess Ende schon deshalb nicht erreichen können, weildie Natur, worin wir ja hier gegenüber der Kunst das ganze Lebenaussersalb der Kunst mit verstehen, nie zu Ende kommt, sondernsich fort und fort entwickelt; und wenn wir zugestehen müssen,dass sich dieldealgestalten der griechischen undderRaphael’schenKunst nicht übertreffen lassen, ja verhältnissmässig nur geringeVariationen gestatten, um nicht von dem darin erreichten Gipfelwieder abzusteigen, so werden sich doch eben diese Variationennur aus derNatur schöpfen lassen, und nur vermöge solcherVaria-tionen die Kunst, die sich in solchen Idealgestalten bewegt, nochInteresse behalten. Nun aber ist ja die Kunst nicht blos auf dasGebiet von Idealgestalten beschränkt; zum idealisiren giebt es auchein Charakterisiren; und je tiefer die Kunst mit ihrer Aufgabe indie realen Gebiete des Lebens hineingreift, desto mehr Stoff undForm wird sie daraus ziehen können uud zu ziehen haben; ja eswird, wie ich früher (S. 118) andeutete, vielleicht eine Zeit kommen,wo man die Idealität, die man in einzelnen Gestalten nicht höherzu treiben weiss, als sie getrieben ist, doch im Eindruck dadurchwird erhöhen können, dass man sie mehr auf den Gipfelpunct derDarstellungen beschränkt, und von der Idealisirung der ihrer Ideenach niedriger stehenden Figuren mit Vortheil für die Charakte-ristik nachlässt.
Wie nun die Kunst aus der natürlichen Wirklichkeit heraus-zuwachsen, immer neue Triebkräfte aus ihr zu ziehen hat, so hatsie auch möglichst allseitig in sie zurückzugreifen. Das kann sieaber nur, wenn sie sich den natürlichen Interessen nicht entfrem-det, sich vielmehr der Interessen der Welt, des Lebens, des Glau-bens, die abgesehen von Kunst bestehen, als eigener Interessenmit Liebe annimmt, statt blos eine gleichgültige Unterlage für ihreFormgebung darin im Sinne so vieler Kunstenthusiasten zu sehen.An Angriffspuncten dazu fehlt es nicht. Die Religion nimmt denPinsel und Meissei für Gegenstände der Andacht in ihren Tempelndie Geschichte zur Vorführung und Befestigung erhebender Bei-spiele und Erinnerungen in öffentlichen Gebäuden und Hallen inAnspruch. Die dankbare Anerkennung der Verdienste grosserMänner will sich in Denkmalen aussprechen; die Paläste derGrossensich mit Bildwerken in grossemStil und die Wohnungen derKleinenmit solchen im kleinen Stil in Angemessenheit zu den Verhältnissen