Druckschrift 
2 (1898)
Entstehung
Seite
147
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versichert, dass man in ganz Griechenland die Bilder der Venus nach dieserberühmten Schönheit gemalt habe.«

»Im Winter des J. 1 hatten die deutschen Künstler in Rom in derWerkstatt eines Schuhmachers einen dem Jüngling nahen Knaben aufgefun-den, der ihren gemeinsamen Studien zum Modell diente und in allen Theileneine Schönheit zeigte, welche allen Anforderungen der Kunst zu genügen undan die edelsten Jugendgebilde der Alten zu erinnern im Stande war. Ebenso ist bekannt, wie Thorwaldsen durch die Schönheit eines Hirtenknabenaus derCampagna, der ihm beim Ganymedes als Modell diente, darauf ge-leitet ward, jene bewunderungswürdige Bildsäule nach ihm zu bilden, die erschon 8mal in Marmor zu wiederholen die Gelegenheit gehabt hat. EinesTages gieng ich (Thiersch) in Rom mit zwei jungen Künstlern, einem Malerund Bildhauer, vom Vatican die lange Via Julia nach der Farnesina hinauf.Plötzlich hielt der Maler an. Ein junger Mensch von ungewöhnlicher Schön-heit aus gemeinem Stande hatte seine Aufmerksamkeit und sein Erstaunenerregt. Er war sogleich mit ihm im Gespräch, und wir theilten bald die Be-wunderung des Malers. Er war der Lehrling eines Bäckers. Wir folgten ihmzu seinem Hause in der Nähe, und die Künstler waren bald mit seinemMeister und Angehörigen über Ort und die Bedingung einig, unter der sie ihnfür ihre Arbeit brauchen wollten. Keine einzige Jugendgestalt von allen, dieich in Rom gesehen, schien mir den Charakter der männlichen Jugend be-sonders der Engel und den seelenvollen Ausdruck ihrer Unschuld und Sittein dem raphaelschen Gemälde so treu und so rein wiederzugeben, als dieserKnabe.« (Thiersch, Kunstbl. 1 831. 180.)

»Denn es wird, wenn sie solches nur ernstlich bestreben, nicht an Gele-geiten fehlen, wie jene, welche eine sinnvolle Gönnerin, die Freifrau vonRheden, vor wenig Jahren herbeigeführt, als sie die schöne Victoria von Al-bano nach Rom brachte, um dort von den bessten Künstlern modellirt, ge-malt und gezeichnet zu werden. Wer damals zu Rom verweilte, wird sichdes Aufsehens erinnern, welches das schönste Antlitz hervorgebracht, undder allgemeinen Uebereinkunft, dass solches, in Ansehung der Ueberein-stimmung seiner Verhältnisse, oder der Reinheit seiner Formen, sowohl alleKunstwerke Roms übertreffe, als auch den nachbildenden Künstlern durch-aus unerreichbar bleibe.« (Rumohr ital. Forsch. I. S. (12.)

Nun mag der Künstler an den wunderschönen Modellen,von denen in diesen Beispielen die Rede war, immer noch eineKleinigkeit geändert haben; aber hat er sie dadurch wirklichschöner gemacht; aber war es der Rede werth? Er mag Engel,Göttinnen daraus gemacht, und hiezu ihnen eine Bewegung, einenAusdruck verliehen haben, den die Modelle nicht hatten. Und ge-wiss ist es ein grosser Vortheil der Kunst, dass sie das vermag;aber vermag der Künstler in den anmuthigsten Bewegungen, demidealsten Ausdrucke mehr als die Natur überhaupt vermag? Eswird sich nur eben nicht leicht treffen, dass die vollkommensten