145
nen höher stehen als die Natur und ihre Erscheinungen. Und dieWelt scheint damit, dass sie wirklich für einen gemalten Esel mehrals für einen wirklichen bezahlt, Hegel Recht zu geben.
Dabei darf man freilich nicht vergessen, dass in die Preisbe-stimmung einer Sache die Seltenheit oder Schwierigkeit der Be-schaffung abgesehen vom Werthe derselben wesentlich mit alsFactor eingeht. Wenn es eine Million gut gemalter Esel gäbe, hie-gegen nur einen oder ein paar gute wirkliche Esel, statt dass jetztdas umgekehrte Yerhältniss statt findet, so würde sich das Preis-verhältniss ganz anders stellen, als es derSchah von Persien gefun-den hat, und möchten danach die wirklichen Esel wirklich deshalbhöher bezahlt werden, weil man darauf reiten kann. Nun aberträgt der Umstand, dass Kunstwerke allgemein gesprochen seltenersind, als entsprechende Naturgegenstände, selbst wesentlich zuder gemeinhin statt findenden Ueberschätzung der Kunst gegen dieNatur bei.
Im Grunde wird jeder zugeben, dass sich ohne Kunst abernicht ohne Natur leben lässt. Und dass überhaupt die Natur derKunst im Ganzen an Nützlichkeit voransteht, darüber lässtsich eigentlich nicht streiten; sondern nur darüber, ob und inwie-fern es die Natur der Kunst auch an Schönheit gleich thun odergar sie darin übertreffen könne. In dieser Beziehung mögen Vieleden Yortheil eben so selbstverständlich und unbedingt auf Seitender Kunst finden. Doch liegt er nach unbefangener Betrachtungnicht in jeder Beziehung so.
Vielmehr so sehr die Leistungen der Kunst durch die Rein-heit und H öhe der Befriedigung, die sie unmittelbar zu erweckenvermögen, die gewöhnlichen Naturleistungen überbieten undihrem Princip nach überbieten müssen, weil sie auf dieses Ueber-bieten gerichtet sind, so vermag hingegen die kunstlose Wirklich-keit, die wir der Kunst gegenüber Natur nennen, ausnahms-weise nicht nur die höchsten Kunstleistungen in menschlicherund landschaftlicher Schönheit zu erreichen, sondern auch — wäh-rend die Kunst nur diese oder jene Seite des Seins, Lebens, Wir-kens auf einmal zu höchster Vollendung gesteigert bieten kann, -—ausnahmsweise alle zur günstigstmöglichsten Wirkung zu vereini-gen, und dadurch die Kunst zugleich an Kraft und Fülle derWirkungen weit zu übertreffen. Mit all’ dem vermag sie freilichkeine Gompositionen von höherem idealen Charakter aus Gott,
Fecliner , Vorschule d. Aestlielietik. II. 2. Aufl. 10