Druckschrift 
2 (1898)
Entstehung
Seite
117
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wenn die ungeheure Abstufung zwischen Licht und Schatten, dieuns die Wirklichkeit bietet, in wenigen lichten Tönen wiederge-geben werden soll; das Licht kommt doch nur durch denSchatten recht zur Geltung. Zu dem Abstande zwischen demHohen und Niederen vermissen wir aber zweitens die Mannich-faltigkeit, die wir gewohnt sind zwischen Persönlichkeiten der-selben niederen Stufe zu sehen, da alle auf die höhere Stufe hin-aufgerückt sind, und diess widerstrebt uns nicht nur als eine Na-turwidrigkeit, sondern ermüdet uns auch durch Monotonie. DieGesichter werden uns fast gleichgültige Nullen. Nun kann mansich allerdings durch die Schönheit aller einzelnen Figuren mit derVariation, welche das ideale Gebiet noch gestattet und die nament-lich in Stellungen und Bewegungen nach dem S. 95 besprochenenStilprincip möglichst ausgebeutet wird, für diese Nachhteile in ge-wisser Weise entschädigt finden; man schwimmt so zu sagen ineinem Elemente reiner Schönheit, welches seine Wellen nur soweit schlägt, dass deren Gränzen nie überschritten werden. Aberman kann nicht leugnen, dass dieses Schwimmen unter immergleichem Wellenschläge auf die Länge in die Gefahr geräth, lang-weilig zu werden.

In einem Urtheile über den bekannten Genremaler Knaus*)las ich einmal: »Die Figuren von Knaus und namentlich seineKöpfe sind bis in die scheinbar zufälligsten Nüancen so prägnantund charakterwahr, dass sie fast immer den Eindruck machen, alsmüsse man diesePhysiognomieen schon irgendwo gesehen haben.«Es ist wahr und man wird dasselbe bei den Figuren jedes gutenrealistischen Bildes wiederfinden. Aber wohl zu merken: manwird den Eindruck haben, als ob man jedes Gesicht irgendwoeinmal im Leben und niemals in der Kunst gesehen habe, wo-gegen man bei den bessten idealistischen Bildern umgekehrt denEindruck hat, als habe man dasselbe Gesicht niemals im Lebenund hundertmal in der Kunst gesehen.

Bis zu gewissen Gränzen liegt das nun freilich in der Naturder Sache, und so weit es der Fall ist, wer will es tadeln. Dasideale Gebiet giebt eben an sich keine grosse Mannichfaltigkeit her;und indem der idealistische Künstler in den Natur Vorbilder, wieer sie braucht, überhaupt nicht findet, kommt er von selbst dazu,

*■ Dioskuren. 1864. S. 382.