Druckschrift 
2 (1898)
Entstehung
Seite
67
Einzelbild herunterladen
 

67

und ein Christus nie zu'erhaben dargestellt werden können; wennaber in grossen Gemälden alle Personen von niederster bis höch-ster Stufe in schönem oder edlem Typus gehalten sein wollen, sofangen an Nachtheile spürbar zu werden, auf die im 27. AbschnittGelegenheit sein wird näher einzugehen. Meines Erachtens wirddie S. 58 gegebene Regel, nur an das in der Vorstellung Idealeeine ideale Darstellung zu wenden, wie es zur Charakteristik desIdealen selbst gehört, immer als Hauptregel festzuhalten sein,wenn schon sie zugestandenermassen nach untergeordneten Be-ziehungen auch nachgeben darf; aber nur nach untergeord-neten. Wenn man hiegegen untergeordnete Personen wie Haupt-personen behandelt, so ist dies vielmehr eine Hauptabweichungvon der Regel.

Hier und da freilich geräth man durch Aufstellung oder An-wendung solcher Principien in Gefahr, einfach dem Spruch zuverfallen: »der Jude wird verbrannt«.

Kunstwerke giebt es, die ausnehmend charakteristisch füreinen Gegenstand sind, den sie eigentlich nicht darstellen sollen;was von einer Seite eben so sehr gefallen kann, als es von andrerSeite missfallen muss, und im Ganzen als ein Fehler anzusehen ist;ein Fehler, über den freilich manche Kenner hinwegsehen, denengenügt, dass nur überhaupt etwas charakteristisch dargestelltsei. Ein merkwürdiges Beispiel der Art bietet das, in neuererZeit mehrfach besprochene, sog. Schwartzsche Votivbild des älte-ren Holbein dar.*) Hier sitzt GottVater auf einer Art Grossvater-stuhl über Wolken als ein abgelebter Alter mit einem ganz runz-ligen, halb grämlichen halb gutmüthigen, alles idealen Typus,aller Würde ermangelnden Gesichte da. Nichts kann charakte-ristischer sein bei Beziehung der Darstellung auf einen derartigenmenschlichen Greis, wie es denn unstreitig eine, mit vollster Wahr-heit aus dem Leben gegriffene, Portraitdarstellung ist, welche alssolche in hohem Grade interessirt; nichts kann weniger charakte-ristisch sein, wenn man sich Gott darunter vorstellen soll, ja manfindet sich dadurch empört, dass man es doch soll. Einen ähn-lichen Fall bietet das Christkind in den Armen der berühmten Ma-donna des jüngern Holbein dar, wenn es nämlich wirklich einChristkind vorstellen soll, wie die Kenner durchaus verlangen,

*) Eine kunsthistorische Besprechung dieses Bildes von mir findet sichin Weigels Archiv 1 870. 1.