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2 (1898)
Entstehung
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in der Gesammtheit der Richtungen zu erreichen; und wenn beideRichtungen einander scheele Rücke zuzuwerfen pflegen, verdienenes beide eigentlich nur dadurch, dass sie es thun.

Eine der einfachsten und allgemeinsten Regeln, die man demKünstler in Sachen unsrer Frage geben kann, ist die, dass er dieWirklichkeit mit seinen Formen nur in so weit überschreite, alser sie mit einer zur Darstellung berechtigten Idee überschreitet,dass er aber auch jenes thue, sofern er dieses thut. So selbstver-ständlich diese Regel scheint, indem es nur die Regel ist, Dar-stellungs-Stoff und Form einander angemessen zu halten, giebt esdoch kaum eine Regel, die häufiger verletzt wird, namentlich vonerster Seite. Denn nach dem missverstandenen Princip, dass dieKunst Darstellung des Schönen sein solle, meinen viele Künstler,die unschöne Natur verschönert wiedergeben zu müssen, ohne zubedenken, dass sie damit einen Widerspruch mit der Wahrheitherauf beschwören, der, rücksichtslos auf Schönheit oder Unschön-heit des Gegenstandes, der Schönheit seiner Darstellung Ab-bruch thut. Nicht minder, nur von andrer Seite her, wird aberdie Wahrheit verletzt, wenn überwirkliche Gegenstände in Formengemeiner Wirklichkeit dargestellt werden. Im Sinne des erstenFehlers sahen wir Hildebrandt die Storchbeine verdicken und ver-kürzen, und sehen wir in den meisten Rildern sog. grossen ja oftselbst kleinen Stils gemeines Volk in schönen neuen Kleidern, mitidealen Gesichtstypen und in möglichst anmuthigen Stellungendargestellt. Man nennt das wohl auch höhere Wahrheit, was viel-mehr höhere Unwahrheit ist. Den zweiten Fehler doch meist mehraus Ungeschicklichkeit als Princip begangen, bieten manche ältereRilder dar, sofern Gott Vater, die Madonna, das Christkind darinmit gemeinen, ja hässlichen Zügen erscheinen.

In erster Beziehung ist freilich ein Conflict zu berücksichti-gen. Die Lust aus directer Anschauung von Schönheit und Anmuthdessen, was wir vor uns sehen, kann die Unlust aus dem Wider-spruche, der in Verletzung der Wahrheitsfoderung liegt, über-bieten, zumal wenn die Kunstgewöhnung solchen nicht mehr fühl-bar macht; und in der Thal hat Kunstgewöhnung uns in dieserHiusicht viel vertragen gelehrt, fraglich ob nicht zu viel, und obnicht eine künftige Kunstgewöhnung die jetzige in dieser Hin-sicht rectificiren wird. Man traue doch der jetzigen nicht gar zusehr, und sollte überhaupt mehr als es geschieht, überlegen,