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2 (1898)
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müssen, dass das Leben in der Kunst die Nachtheile ihrer Ab-weichungen von der Natur bis zu gewissen Gränzen zum Ver-schwinden bringt; aber unversöhnte Nachtheile würden bleiben,wenn sie nicht dieselben mit positiven Vortheilen überböte.

Am wenigsten aber entgehen diesen Nachtheilen Künstler,welche entweder kein Bewusstsein derselben haben oder keineNachtheile darin sehen; und zum Beweise, dass es nicht an solchenfehlt, will ich von genug zu Gebote stehenden Beispielen nur einvon gewisser Seite eben so niedliches als von der andern crassesanführen. *)

Der bekannte Landschaftsmaler Ed. Hildebrandt hatte in sei-nem grossen Landschaftsbilde, benannt »Am Weiher« einigen amWasser stehenden Störchen widernatürlich dicke Beine gegeben.Als man ihn darauf aufmerksam machte, und es »unatürlich« fand,erwiderte er: »Ich weiss sehr wohl, dass die Störche in der Wirk-lichkeit dünnere und auch längere Beine haben, aber was kann ichdafür, dass die Natur diess gethan? Man kann von mir nicht ver-langen, dass ich ihre Fehler nachmache.«

Wie man nun auch sonst Schönheit definiren mag, jedenfallssoll ein möglichst reines Wohlgefallen dadurch erzeugt werden.Jeder aber wird zugeben, dass die Unlust aus dem Widerspruchezwischen der Erscheinung der Beine und der Bedeutung als Storch-beine oder aus der Unsicherheit über die Bedeutung ob Storchoder nicht Storch, hier jeden Lustvortheil überbieten musste, denman etwa durch eine an sich schönere Form des Storchs, sollteauch eine solche durch Verdickung seiner Beine erzielbar sein,erlangen konnte.

Indem wir uns nun zu den positiven Vortheilen, welche durchden Nachlass von der vollen Naturwahrheit erreichbar sind, wen-den, steigen wir dabei von mehr äusserlichen und niedern zu mehrinnerlichen und höhern auf.

Die Natur bietet uns wegen der Unmöglichkeit oder Schwie-rigkeit, einen Gegenstand oder ein Ereigniss aus einem Raum,einer Zeit in die andere zu versetzen, der Anschauung unzähligeSchwierigkeiten dar, welche sich durch die Kunst bis zu gewissenGränzen überwinden lassen, indem sie den Gegenständen leichttransportable, aus beliebiger Nähe zu beschauende, leicht zu ver-

*) Dioscuren 1861. S. 158.