Druckschrift 
2 (1898)
Entstehung
Seite
47
Einzelbild herunterladen
 

47

könne, als in der nie ganz scharfen Erinnerung die Abweichungennicht spürbar werden. Aber im Gegentheil verkürzt er geradedadurch den Vortheil, den das treue Gemälde bieten könnte,das in der Erinnerung undeutlich Gewordene deutlich herzu-stellen und aufzubewahren. Ich sage nicht, dass Landschaftenin jenem Sinne nicht gemalt werden sollen, insofern Kunstland-schaften überhaupt mehr bestimmt sind, uns schöne Gegendenzu schenken, als an wirkliche zu erinnern; insofern sie aber denAnspruch machen, Letzteres zu thun, haben sie zum Zweck auchdas Mittel zu wollen.

Muss man nicht auch im sprachlichen Gebiete zugeben, dassuns der Inhalt einer Geschichte noch einmal so sehr interessirt,wenn wir wissen, so ist sie geschehen, als wenn wir wissen, soist sie nicht geschehen; dass bei dem Lesen eines historischenRomanes ein störendes Gefühl der Ungewissheit mitgeht, wie vielwahr und wie viel nicht wahr sei; ja wohl manchen Roman, dersich den Anschein gab, eine wahre Geschichte zu sein, haben wiraus der Hand gelegt, so wie wir merkten oder erfuhren, er wolleuns nur täuschen. Dieses Interesse an der Wiedergabe der Wirk-lichkeit steigert sich nach Massgabe als sie uns näher selbst betraf.Nun kann ein Kunstwerk, wenn schon nicht allein auf diess Inter-esse speculiren, soll es den Namen eines Kunstwerkes verdienen,doch unter Umständen einen Theil seiner Wirkung ihm verdanken,hierauf allerdings mit speculiren.

Kurz, die Aufbehaltung, Vergegenwärtigung, Wiedergabedessen, was ins menschliche Leben an irgend einem Puncte be-deutungsvoll eingriff, die Befriedigung des Verlangens, das wasuns durch seine Wirklichkeit interessirte, auch für die Erinnerungso wie es wirklich war, treu aufbehalten zu sehen, ist zwar nichtdie alleinige, nicht allem zu berücksichtigende, noch höchste, aberin sofern mitzählende Aufgabe der Kunst, als die Wirkung vielerLeistungen der Kunst durch Mitbefriedigung dieses Interesses zurHöhe auch an Stärke gewinnen kann.

Ganz abgesehen aber von dem so zu sagen stofflichen oderpersönlichen Interesse, was jemand an dem Gegenstände einerKunstdarstellung nehmen mag, macht es dem Menschen an sichein eigenthümliches Vergnügen, die Natur durch freie Thätigkeitdes Menschen treu wiedergespiegelt zu sehen, so dass das dadurchgewonnene Spiegelbild ein Interesse haben kann, wenn der Gegen-