Druckschrift 
2 (1898)
Entstehung
Seite
22
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der unbedeutendste, ja selbst an sich nicht zusagende Stoff durchkünstlerische Darstellung hohen Reiz erlangen kann. Man denkez. B. an den Barberinischen Faun.

Im Allgemeinen ist der Inhalt der Kunstwerke der Kunst nichteigenthümlich, sondern ihr mit dem Leben, der Geschichte, derSage, dem Mythus, der Wissenschaft gemein. Es ist keine Kunst,ihn daraus zu entnehmen, sondern ihn erstens so zu fassen, dasser sich einer schönen Darstellungsform fügt, was Sache der künst-lerischen Conception ist, zweitens ihn in dieser Form darzustellen.Den Werth eines Kunstwerkes kann nicht das ausmachen, wasman ohne die Kunst schon hat, sondern was die Kunst zur Werth-vermehrung hinzufügt, oder als Werth daran erst schafft.

Viele Darstellungsstoffe von bedeutendem Inhalt, namentlichsolche von religiöser oder mythologischer Natur, sind zugleichfruchtbar hinsichtlich der Möglichkeit schöner grossartiger, stil-voller und charakteristischer Darstellungs-und Zusammenstellungs-formen, und insofern wichtige Gegenstände der Kunst. Dochwird ihr Werth für die Kunst vom Gehaltsästhetiker theils über-trieben, theils aus einem falschen Gesichtspuncte aufgefasst, in-dem er nicht im Werthe der Form aufgehend gedacht, sondernselbständig geltend gemacht wird. Um so leichter vermischt undverwechselt das Laienpublicum das unkünstlerische Interesse amInhalte eines Kunstwerkes mit dem Kunstinteresse. Der rechteKünstler aber vermag an ganz unbedeutenden Gegenständen leichtdie grösste Kunst zu beweisen, indem er ihnen durch charakte-ristische und stilvolle Behandlung ein Interesse verleiht, was mitdem ihres Inhaltes ganz incommensurabel ist. Auch macht sichdieser Massstab praktisch bei den Preisen der Kunstwerke geltend.Sie werden nicht, und zwar mit Recht nicht, nach dem Wertheder darin zur Darstellung kommenden Idee, sondern dem Wertheder von der Kunst abhängigen Darstellungsform bezahlt.

Zwar ist dem religiösen Bilde nicht zu wehren, Andacht zuerzeugen; imGegentheil soll es, namentlich als Kirchenbild, ausserseinem Kunstzwecke noch einem andern Zwecke entsprechen; nurliegen beiderlei Zwecke ganz auseinander und hat die Andacht,welche die Beschäftigung mit dem Inhalte des Bildes hervorzurufenvermag, mit dem Kunstgenüsse daran nichts zu schaffen; ja jemehr jemand beim Beschauen eines religiösen Bildes sich derAndacht hingiebt, desto mehr tritt das Kunstinteresse am Bilde,